3/1995

Alte Musik Aktuell

Alessandro Scarlatti, am 2.5.1660 in Palermo geboren und am 22.10.1725 in Neapel verstorben, galt seinen Zeitgenossen als der bisher grösste Meister des Kontrapunkts, der «Orpheus der Musik» oder auch Musices instaurator maximus, wie Kardinal Ottoboni auf Scarlattis Grabstein einmeisseln liess. Scarlatti hatte zeit seines Lebens mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und unterhielt daher bis zu drei Anstellungen gleichzeitig. Trotzdem oder gerade deshalb schuf er eine grosse Zahl von Kompositionen von permanent zunehmender Qualität: Mindestens 115 Opern, 650 Kantaten, 150 Oratorien, Kirchen- und Kammermusik sowie Werke für Orgel und Cembalo hat er der Nachwelt überliefert. Dabei gilt er auch heute der Musikwissenschaft als herausragend und wird in einem Atemzug mit seinen bedeutendsten Kollegen aller Länder und Epochen genannt. Er entwickelte die Musiksprache der Theatermusik weiter, die Dacapo-Arie, die dreiteilige italienische Ouvertüre oder das instrumental begleitete Rezitativ sind nur einige seiner Neuerungen. Sein Tasteninstrumentalwerk ist das Verbindungsglied zwischen der damaligen Vergangenheit und Moderne und gab letzterer wesentliche Impulse. Und doch werden Alessandro Scarlattis Kompositionen für Orgel udn Cembalo oft unterschätzt, weil häufig an denen seines Sohnes Domenico (1685-1757) gemessen. Dabei spielte u.a. die hier vorgelegte Toccata per cembalo d'ottava stesa «in der Geschichte der Tasteninstrumentalmusik des 16. und 17. Jahrhunderts eine vergleichbare Rolle wie heute die h-moll-Sonate Liszts» (Giorgio Pestelli). Und der Theoretiker Johann David Heinichen (1638-1729) kritisierte Scarlattis kühne Passagen in den Rezitativen seiner Opern und Kantaten als «extravagante und unregelmässige Harmonik». Kurzum, Scarlattis Stücke waren nie zur gefälligen Unterhaltung oder für analytische Studien geeignet und verlangen auch heute noch den ganzen Einsatz des Interpreten, um die Werke gemäss der «teoria degli affetti» Girolamo Frescobaldis wiederentstehen zu lassen. Nun, dafür benötigt man zweierlei - erstklassiges Instrumentarium und einen erstklassigen Interpreten. Beide Grundbedingungen lagen bei dieser Einspielung vor. Die Orgel wurde 1732/33 von Giacinto Pescetti für die Kirche SS. Biagio e Cataldo auf Venedigs Giudecca erbaut. Heute befindet sie sich in der Provinz Prodenone, in der Kirche S. Giacomo in Polcenigo. Das Cembalo ist eine, von Tony Chinnery angefertigte Kopie des 1697 von Carlo Grimaldi da Messina gebauten Instruments, welches heute in der Instrumentensammlung des Germanischen Nationalmuseums zu Nürnberg steht. ... Scarlattis anspruchvolle Komposition fordert den ganzen Interpreten. Andrea Marcon hat diese Herausforderung angenommen. Und Scarlattis Werk, wuchtig, harmonisch verzwickt, mit hohem technischem Schwierigkeitsgrad, klingt plötzlich einfach, lässig und logisch. Diese genannten Schwierigkeiten bleiben scheinbar im verborgenen. Und hier zeigt sich Andrea Marcons Klasse am deutlichsten, denn dieser Eindruck ist ausschliesslich sein Verdienst. Er vermittelt Scarlatti leicht und überzeugend, mit glasklarer Interpretationsidee und ausgezeichneter Registrierung auf einer exorbitanten Orgel.