Mit dem Album «Walzer für Klavier» gibt der Italiener Paolo Bordoni die Visitenkarte seines virtuosen Könnens ab - zudem liefert er ein klingendes Plädoyer für diesen Tanz, der im 19. Jahrhundert schnell alle Bereiche des bürgerlichen Musiklebens eroberte - das öffentliche Konzertwesen ebenso wie die Hausmusik. Seine Beliebtheit inspirierte die Komponisten nicht nur wegen seiner mitreissenden musikalischen Struktur, sondern auch, weil sich mit ihm Popularität und Einkommen steigern liessen. Den Tanz gibt es in der Musik für Tasteninstrumente seit deren Anfängen, er fand schon 1593 Erwähnung in einem Traktat über die Interpretation - in Girolamo Dirutas «Transilvano». Der Autor unterschied seinerzeit streng zwischen der Ausführung auf den verschiedenen Instrumenten: Der Orgel wies er die geistliche Musik und das Legatospiel zu, dem Cembalo hingegen die Unterhaltungs- und Tanzmusik, das Stakkatospiel also. Waren im 17. Jahrhundert vielerlei Tänze beliebt, so rückten sie im 18. Jahrhundert in den Hintergrund, wurden nur noch wenige gespielt. Am Ende blieb das Menuett dominierend, welches sogar in die Form der Sinfonie einging. Das 19. Jahrhundert verleugnete zwar nicht dieses Menuett, ersetzte es jedoch verstärkt durch den Walzer, der vom Bauerntanz zum Bürgertanz mutierte. Gespielt wurde er auf dem Nachfolgerinstrument des Cembalos, dem Klavier, das beim aufsteigenden Bürgertum grosse Beliebtheit genoss. Walzer für Klavier oder Klavierauszüge von Orchesterwalzern wurden in Milionenauflage gedruckt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts beginnt der zu jener Zeit schon seit einigen Jahrzehnten verbreitete Walzer sich vom Deutschen Tanz und vom Ländler zu unterscheiden. Er erlangt eine eigene Physionomie und erregt sogleich die Moralisten. Schritten in den Tänzen des 18. Jahrhunderts Männer und Frauen vorwärts und rückwärts oder drehten sich, wobei sie aber immer einander gegenüberstanden, so wurde im Walzer des ausgehenden 18. Jahrhunderts geglitten, hielten sich Dame und Kavalier eng umschlungen. Diese Freizügigkeit trat ihren verfüherischen Siegeszug vor allem durch die französischen Salons an, doch erschloss sich der Walzer auch die bürgerliche Gesellschaft. Ein Habenichts wie Schubert, der sich in Wien schlecht und recht durchschlug, fand in ihm eine Verdienstquelle und schrieb Dutzende davon, von denen einige auf vorliegender CD enthalten sind. Ein durchaus nicht mittelloser Komponist wie Chopin, der aber von der Grosszügigkeit des Bürgertums lebte, schrieb immerhin deren zwanzig: Einige wurden veröffentlicht, andere hielt er auf Vorrat, um sie in gepflegter Abschrift als schmeichelhafte Geschenke an Damen oder Fräuleins zu verwenden - so zum Beispiel den berühmten Walzer op. 69 Nr. 1, den «Abschiedswalzer», den er seiner heimlichen Braut Maria Wodzinska brachte - später aber auch anderen verheirateten oder ledigen jungen Damen. Bordoni wählte ausserdem für sein Programm die Walzer op. 69 Nr. 2 und E-Dur op. posth. Liszt überreichte seinen Verehrerinnen gleichfalls kleine, erotisch parfümierte Walzer: Die einer italienischen Aristokratin gewidmete «valse d'Adèle», vom Grafen Géza Zichy (einem Kriegsverletzten ohne rechten Arm) für die linke Hand allein geschrieben, wurde zum Beispiel von Liszt für zwei Hände bearbeitet. Selbst noch bei Grieg, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei der Bourgeoisie sehr beliebt (und auf diesem Album mit vier Beiträgen vertreten), repräsentierte der Walzer eine Huldigung an die klavierspielenden höheren Töchter, welche die aus dem kühlen Norden eingetroffenen Stücke ihres blongelockten Favoriten schmachtend entzifferten. Dann erfolgte der Bruch, begann um die Jahrhundertwende mehr sentimentale als erotische Walzer der Übermacht der des sinnlichen Tangos zu weichen, der aus den Bordellen von Buenos Aires stammte. Für die Komponisten wurde der Walzer das, was für ihre Vorläufer das Menuett gewesen war: ein Symbol der guten, alten Zeit. Als Beispiele wählte der Interpret für seine Aufnahme Ravels «valses nobles et sentimentales» und «à la manière de Borodine» sowie von Debussy «la plus que lente» und «valse romantique». Paolo Bordoni, einer der bekanntesten italienischen Solisten der mittleren Generation, verfolgt seit seiner Jugend eine sehr persönliche Linie der Programmgestaltung und Interpretation. Als wesensverwandte Komponisten empfand er schon immer die Romantiker Schumann, Schubert und Chopin sowie die Impressionisten Debussy und Ravel. Deren komplexe Klang- und Gefühlswelt lebt und lotet er bis in ihre verborgensten Winkel aus. Dies zeigt sich auch in seinen Gesamteinspielungen von Schuberts Walzern und unvollendeten Sonaten für EMI, die bei der Fachpresse höchste Anerkennung fanden. Paolo Bordoni spielte an zahlreichen internationalen Festivals wie Luzern, Hohenems, Paris, Mailand, Brescia-Bergamo, Spoleto, München, Berlin und Charleston (USA) und konzertierte unter namhaften Dirigenten.