Das 1000 und x-te Mal Brahms und Schumann, dachte der Rezensent aufgrund eines flüchtigen Blickes und liess die CD erst einmal liegen. Am Bild des weissbärtigen, zigarrenrauchenden Johannes Brahms ging er täglich vorbei. Bis die opus-Zahl auffiel, die für eine Cello-CD nun nicht gerade naheliegt.«Wieso müssen die Klarinettisten (Bratschen-)Sonaten auf dem Cello gespielt werden», dachte der Rezensent weiter und nahm sich eine kritische Stellungnahme vor. Das Beiheft differenziert glücklicherweise deutlich zwischen der Einrichtung der Sonaten op. 120 von Peter Hörr und der Bearbeitung des Stückes op. 73 von Friedrich Grützmacher. Für ersteres werden die weit verbreitete Praxis im späten 19. Jahrhundert und Brahms' eigene Fassung der Sonaten op. 120 für Violine ins Feld geführt. Der englische Text von James Alexander (die zwei Texte sind nicht identisch) begründet die Cello Version ebenfalls mit dem Hinweis auf gängige Praxis, auch bei Brahms. Der Pianist gibt zuletzt seiner Hoffnung Ausdruck, dass Geist und Stimmung der Musik gewahrt geblieben seien, und zititiert Brahms mit folgenden Worten: «Machen Sie es, wie Sie wollen, machen Sie es nun schön.» Mit gespanntem Interesse hörte der Rezensent dann den Brahms an. Und um das Ergebnis vorwegzunehmen: die zwei Künstler machen es mehr als schön! Wieso sollen die zwei Sonaten nicht auf dem Cello gespielt werden, wenn es so überzeugend geschieht? Die Bedenken des Anfangs - vorbei. Die Überlegung, ob die Fassungen der Schumann Stücke und der zwei Brahms-Sonaten fairerweise in einer Titel Rubrik subsumiert werden dürfen - unerheblich. Das Ergebnis zählt und überzeugt. Grossen Anteil am Gelingen hat der Cellist mit seiner wunderbar differenzierten Spielweise: volle, weiche, spätromantische Tongebung (z.B. zu Beginn der f-Moll Sonate op. 120,1) stehen ihm ebenso zur Verfügung wie ein zartes, aber sehr ausdrucksintensives non vibrato (z.B. das Trio im 3. Satz der erwähnten Sonate). Zweitens ist die Bearbeitung intelligent gemacht. Zu op. 120,1 steht mir eine elf Jahre alte Alternativ.Aufnahme zur Verfügung (Zvi Harrel/Marina Bondarenko), deren Anfang - da eine Oktav höher, in der Bratschenlage gespielt - ein bisschen merkwürdig klingt; man fragt sich, was das Cello dort «oben» soll. Nicht so Peter Hörr, dessen Einrichtung «oftmals dem Beispiel der originalen Klarinettenstimme (folgt) oder sich auf den von Brahms verfassten Violapart (stützt) und sich deshalb als Kompromiss» versteht. Der Pianist erweist sich in dieser Aufnahme als kraftvoller und kompetenter Partner, der genau weiss, wo sein Ort im begleitenden Führen (und umgekehrt) ist. Cello- und Klavierklang sind auf ideale Weise ineinander verwoben, auch schwerste Stellen klingen leicht, unkompliziert (nicht unbedarft), faszinierend und schlicht sauber. Bei den Schumann-Stücken ist mir die Agogik des allerersten Anfangs (und nicht nur dort). «Zart und mit Ausdruck» - nicht ganz schlüssig.Wie die Quellenlage der Takte 31 und 32 im Klavier? Vorrherrschender Eindruck ist auch hier: die Souveränität und technische Brillanz der beiden Interpreten und ihre musikalisch absolut überzeugende Wiedergabe lassen diese CD nachdrücklichst empfehlen.