Wir wechseln nun völlig die Musikfarbe und begeben uns im Kontrast zur verklungenen Musik des 17. Jahrhunderts ins zeitgenössischen cross over. Seit langem besteht zwischen dem Jazz und der sogenannten E-Musik eine heimliche Liebe. In dieser Hinsicht machen derzeit Jazzer wie Michael Riessler, Uri Caine oder das Schweizer Treya Quartet auf sich aufmerksam, die sich in sehr individueller Weise mit dem musikalischen Material der komponierten E-Musik auseinandersetzen. Die aktuellste Neuerscheinung auf diesem musikalischen Terrain stammt jüngst von diesem Monat und soll hier bis zum Beginn unserer nächsten Sendung auf Lieder von Gabriel Fauré. Der Zugriff ist hier durchaus mit französischem Charme gewählt: Das Treya Quartett greift den Gestus impressionistischer Harmonien, liedhafter Melodieführung, klarer Akkordentwicklung auf und überträgt diese Charakteristika des Fauré'schen Stil auf das Jazz--Milieu. So werden aus den Liedern Gabriel Faurés träumerische Balladen. Stärker noch als Fauré hat dessen Schüler Maurice Ravel die Jazz-Harmonik beeinflusst - man denke nur an das Bekenntnis von Miles Davis über das, was er alles Ravel verdankt. Das Treya-Quartett ist nun der Meinung, dass allerdings die musikalische Grundlage für Ravel schon bei Gabriel Fauré begründet liegt. Nach seiner Meinung ist Fauré der Vater und Gedankengeber für die Entwicklung einer speziell französisch geprägten Akkordik, die von Satie, über Ravel und Debussy bis hin zu Messiaen führt. Und so man sich auf die Liedgestaltung Gabriel Faurés überhaupt einlassen kann, wird man sich auch in der zumeinst melodiösen und sensiblen Jazz-Version durchaus heimisch fühlen. Eine Einspielung, die in ihrem Verzicht auf erruptive Virtuosität, in ihrer freundlichen Melancholie eine Scheibe für besinnliche Momente ist - und wer liebt nicht gerade diese Augenblicke der Musse?