Berner Zeitung

Gabriel Fauré und Jazz: Stille Begegnungen

Das internationale Treya Quartet mit dem Berner Schlagzeuger Gilbert Paeffgen hat das Liedgut des französischen Komponisten Gabriel Fauré für den Jazz entdeckt: späte Ehrung für einen Vielverkannten.

Er sei ein Meister des Charmes, sagte Claude Debussy über seinen Landsmann Gabriel Fauré (1845-1924). In der Tat ist «Charme» das weitaus beliebteste Prädikat, wenn es darum geht, die Musik dieses französischen Impressionisten zu beschreiben. Gemeint sind dann meistens seine frühen Kleinkompositionen, oftmals Lider für Klavier und Singstimme, die ebenso regelmässig mit denjenigen Schuberts verglichen werden. Es ist der lieblich-leichte und auch etwas oberflächliche Geist der französischen «Salons», der seine Melodien zu nähren scheint. Schwer vorzustellen also, warum Fauré seinen Kritikern als revolutionärer Progressiver galt, oder warum sein Amtsantritt als Direktor des Pariser Konservatoriums im Jahr 1905 den erbitterten Widerstand der Professoren auslöste. Bei einem Grossteil von Publikum und Interpreten fand der Künstler so wenig Anklang, dass die Frau seines Verlegers Hamelle bald begann, unverkaufte Fauré-Partituren als Haushaltspapier zu benutzen.

Terra incognita Während die Werke Faurés Zeitgenossen Debussy und Ravel, in deren Schatten er schon zu Lebzeiten stand, prägenden Einfluss auf die entwicklung des moderen Jazz nahmen, fand Fauré bis heute ausserhalb der klassischen Musik kaum Beachtung. Stilmittel wie Dissonanzen, Polyrhythmik, Polytonalität, pentatonische und sakrale Skalen oder modale Kompositionsweise waren anderswo leichter zu klauen. Bill Evans etwa, der Innovator des Jazz-Pianos der fünfziger und sechziger Jahre, führte zwar Faurés «Pavane» im Repertoire, berief sich aber, wenn es um die Herkunft seiner harmonischen Kniffe ging, stets auf Ravel oder Rachmaninow. So blieb der Ravel-Lehrer Fauré, dessen Werk die späteren Leistungen der französischen Impressionisten im Kern enthält, für die Jazz-Welt weitgehend Terra incognita.