1.4.2009 | 04.01.2009

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Auf die Interpretation kommt es an

Unter dem Titel ‚Swiss Piano Quintets’ präsentiert das Schweizer Label Divox Kompositionen von Joachim Raff (1822–1882) und Hermann Goetz (1840–1876). Raff, geboren im schweizerischen Lachen, ist heute in erster Linie bekannt als Assistent von Franz Liszt in Weimar, wo er viele von dessen Orchesterwerken instrumentierte, und als Direktor des damals gegründeten Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt. Obgleich zu Lebzeiten sehr erfolgreich, ist das umfangreiche Schaffen Raffs, dem man ‚müden Klassizismus’ nachsagt, rasch in Vergessenheit geraten. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er sich nicht von einer der Strömungen (Neudeutsche gegen Konservative) vereinnahmen ließ; so gab er seinen Sinfonien beispielsweise zwar programmatische Titel, komponierte faktisch aber traditionelle viersätzige Sinfonien, deren programmatischer Inhalt über Haydn kaum hinausgeht. Hermann Goetz, kein gebürtiger Schweizer, ist einer der vielen ‚One-work-composer’ – man nennt ihn eigentlich nur im Zusammenhang mit seiner Oper ‚Der Widerspenstigen Zähmung’. Allerdings ist das Schaffen des früh Verstorbenen quantitativ gesehen recht übersichtlich, qualitativ aber beachtenswert. Schöne Gegenüberstellung In Joachim Raffs Werkkatalog finden sich zwei Kompositionen für Klavierquintett: das 'Grand Quintuor’ a-Moll op. 107 und die 'Phantasie’ g-Moll op. 207b. In ihrer ursprünglichen Fassung ist letztere für zwei Klaviere geschrieben, was auch in der instrumentalen Gestaltung der Quintettfassung noch nachzuwirken scheint – die Komposition klingt einfach anders als das originäre Klavierquintett. So dominiert in der einsätzigen Fantasie der kompakte Ensembleklang, während op. 107 mit deutlich mehr Farbschattierungen und einer transparenteren Setzweise für sich einnimmt. Beide Stücke gefallen auf ihre Weise; das Quintett op. 107 hat Raff selbst sogar als eines seiner bedeutendsten Werke erachtet, und auch der Dirigent Hans von Bülow äußerte sich ähnlich euphorisch. Eine schöne Gegenüberstellung, die hier gelungen ist, gewissermaßen mit einem kleinen Einblick in die Werkstatt des Komponisten. Das Quintett c-Moll op. 16 von Hermann Goetz ist insgesamt dunkler in der Farbgebung und herber in der Aussage. Zu diesem Eindruck trägt nicht unwesentlich das Besetzungsdetail bei, statt einer zweiten Violine einen Kontrabass einzusetzen; das Klangspektrum ist also in den Bassbereich hin verschoben und erweitert. Auf die Interpretation kommt es an Wenn man, wie oben angedeutet, im Zusammenhang mit Joachim Raffs Schaffen abfällig von Eklektizismus und ‚müdem Klassizismus’ spricht, kann dieser Eindruck letztlich mit den schlichtweg müden und langweiligen Interpretationen zusammenhängen, die seine Werke leider nur zu oft erfahren haben. Wie es auch gehen kann, ja, wie es klingt, wenn ein Ensemble mit Feuereifer bei der Sache ist und sich wirklich mit der Musik, welche sie einspielt, identifiziert und völlig in ihr aufgeht, zeigt das Ensemble Il Trittico im vorliegenden Fall. Das in der Grundbesetzung als Klaviertrio auftretende Ensemble (daher der Name) wird regelmäßig durch Gastmusiker ergänzt. Ob nun Gründungsmitglied oder Gast, alle Musiker – das sind im Einzelnen Jan Schultsz (Klavier), Jonathan Allen und Anahit Kurtikyan (Violine), David Greenlees (Viola), Daniel Pezzotti (Violoncello) und Dariusz Mizera (Kontrabass) – erwecken die Musik zu florierendem Leben. Das schließt lebendige, nie aber gehetzte Tempi ebenso ein wie eine durchdachte und fantasievolle agogische Gestaltung der Sätze. Dass die Musiker Meister ihres Fachs sind und auch bestens aufeinander eingestellt sind, versteht sich fast von selbst. Langeweile kommt hier zu keinem Zeitpunkt auf, ganz im Gegenteil. Man sieht: Nicht immer ist der Komponist schuld, wenn sich der Hörer langweilt; es kommt eben doch auf die Interpretation an. In glücklicher Ergänzung zu dieser ist auch die Aufnahmequalität (2007) hochgradig gut; die Balance des insgesamt natürlichen und präsenten Tons ist hervorragend und bestens ausgewogen. Die Textbeilage ist mit einem erfreulich ausführlichen und substantiellen Text bestückt, der nur in einigen Details nicht ganz glücklich wirkt. Wer gern Kammermusik, insbesondere der Früh- und Hochromantik hört, sollte sich diese hochinteressante Platte nicht entgehen lassen!

Christian Vitalis

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