Dem Basler Stephan Kurmann ist Unmögliches gelungen: eine «Meta-Musik» aus Jazz, Klassik und Kubas Folklore.
Drei Prozent des gesamten Musikmarktes mache aus, was er produziere, soll ein in Ehren ergrauter, aber vehement aktiver Jazz-Produzent einmal gesagt haben; fünf Prozent seien Klassik, die restlichen zweiundneunzig Schrott. Dem Apologeten des Trivialen, den Liebhabern der vermischten Zustände hingegen scheint die alte Unterteilung zwischen «ernst» und «unterhaltend» wenn nicht falsch, so doch mindestens fragwürdig. Heute setzt sich das Musikgeschäft eh wie folgt zusammen: etwa über zwei Prozent Jazz im engeren Sinn, etwas unter zehn Klassik im weiteren, und - das schleckt kein Lama und kein mongolisches Rind weg - fast ebenso viel aus dem diffusen Topf der so genannten World Music. Die boomt, und darunter haben wir uns die Summe von Unvereinbarstem vorzustellen: nebulöses exotisches Gesäusel aus der globalen musikalischen Tax-Free-Parfümerie. Aber auch Ethno-Ausgrabungen der seriösen Art, Fusionversuche, die diesen Namen verdienen, will sagen: die das Entlegene nicht in einem Eintopf zusammenrühren oder als virtuellen Toast Hawai auftischen, sondern an den Differenzen interessiert sind. In diesem Sinn ist Stephan Kurmann, der Basler Bassist, Komponist, Bandleader, gar kein Crossover-Musiker, sondern ein Konfrontator von Verwandtem und Entlegenem.
Adios, ihr müden Experimente
Mit seinen Stephan Kurmann Strings vitalisierte er schon in den Achtzigern ein Konzept, das in den Fünfzigern eine mal etwas verkrampfte, mal etwas müde Mode war und unter dem Titel «Third Stream» Jazz und E-Musik auf einen herbeigeredeten Nenner zu bringen suchte. (Wie immer kamen die Peinlichkeiten nicht von den Hauptexponenten, dem Komponisten Gunther Schuller oder gar Gil Evans, sondern von deren Epigonen). Kurmann seinerseits hat seine Methoden verfeinert. Klangen seine Arrangements in den Anfängen zuweilen noch nach dem alten Muster Jazzsolist-plus-Streicher, suchte er zunehmend den kleinteiligeren Durchschuss und forderte von seinem Streichquartett schärfere Kanten. Zudem schlug er die Bedenken in den Wind, seine Leidenschaft für karibische, vor allem kubanische Musik könne als Sprung in den Sattel eines weiteren modischen Trends erscheinen. Zum Glück. Seine neue CD «Stephan Kurmann Strings & Los Muñequitos de Matanzas» ist seine bisher überzeugendste, weil sie die einzelnen Elemente des Fusionsunternehmens als solche glänzen lässt und doch ein neues Ganzes schafft, in genauer Verkehrung des klassischen Ideals, nach welchem sich in jedem Teil das Ganze zu spiegeln hatte. Das kubanische Ensemble besteht seit einem halben Jahrhundert, ist aber, anders als die (auch erstaunliche) Altherren-Kuriosität des Buena Vista Social Club, in keinem Moment auf einen geriatrischen Bonus angewiesen. Ihre kreuzweise verflochtenen Rumbarhythmen und Yoruba-Gesänge sind keine Dekoration, sondern die sprühend vitale Basis des Ganzen. Im Tutti wird der transatlantische Kultursprung in zwei längeren Stücken vorgeführt: Eines heisst «Elegba meets Miles Davis and Frank Emilio» und schafft problemlos die Verbindung von kubanischer Tradition und Davis' «So what». In zwei weiteren agieren die kubanischen Gäste für sich, in einem anderen die Kurmann-Strings - und das meint von Kurmanns Bass abgesehen den Perkussionisten Willy Kotoun, den Drummer Julio Bareto, Andy Scherrer am Tenor und Claudio Pontiggia am Horn. Barreto ist ein Drummer mit soviel Power und Drive, dass er allein die verschiedenen Elemente des Fusionsunternehmens verklammern könnte. Scherrer lässt sich vom perkussiven Feuer zu schamlos glanzvollen saxofonistischen Statements tragen. Im Horn wohnen bekanntlich zwei Seelen, die lyrisch mysteriös entrückte und die gewalttätig diesseitige. Pontiggia beschwört in einem im Wortsinn unerhörten Solo die brachiale. Dies allein bringt alle Papierpavillons und Meditationsschreine zum Einsturz, die im Disney-Park der World Music so zahlreich herumstehen.