01.15.1999

Tagesanzeiger

Dramatischer Auftritt

Keine Zeit war wohl so theaterverrückt wie das 17. Jahrhundert. Und diese Begeisterung hat auch die Instrumentalmusik, die damals erst als eigenständige Gattung entdeckt wurde, angesteckt. So sorgt beispielsweise Biagio Marini in seiner «Sonata a tre violini in ecco» nicht nur für räumliche Wirkung, sondern er verlangt auch, dass die Echo-Violinisten unsichtbar aufgestellt sein sollten. Die Sonatori de la Gioiosa Marca, die sich mit venezianischen Streicherwerken aus den Jahren 1615-1630 einmal mehr ins Zentrum ihres musikalischen Stammgebietes vergnügen, spielen aber auch ohne konkrete Regieanweisungen theatralisch. Sie packen die Töne in klangfarbige Kostüme und lassen sie durch perspektivisch gestaffelte Tonkulissen spazieren. In Canzonen von Giovanni Rovetta oder Sonaten von Dario Castello sind eigentliche Choreographien zu hören: Die Instrumente formieren sich zum kompakten Maxi-Klangkörper, stellen sich gruppenweise gegeneinander oder geben sich ausgesprochen individualistisch. Das alles wirkt umso eigenwilliger duch die mitteltönige Stimmung der Instrumente. Für heutige Ohren klingt sie zuweilen geradezu falsch - und faszinierend, weil sie für jene klangliche Beweglichkeit sorgt, die den dramatischen Auftritt des Ensembles erst ermöglicht.