Bülacher Zeitung

Die Jahre 1615 und 1630 markieren jeweils ein Ende und einen Anfang zugleich. 1615, drei Jahre nach dem Tod von Giovanni Gabrieli, dem Pionier einer eigenständigen Instrumentalmusik, erschienen posthum seine Canzoni und Sonate, welche noch 50 Jahre nachgeahmt wurden. Und im Jahre 1630 wütete die Grosse Pest in Venedig und riss über 50'000 Menschen in den Tod, darunter auch viele Sänger und Musiker von San Marco, der wichtigsten Musikinstitution Venedigs. Zur Zeit der Renaissance dominierten in der Instrumentalmusik mehrheitlich die Bläser. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts, also mit dem Barockzeitalter traten die Streicher und ganz besonders die Violine ihre bis heute dauernde Vorherrschaft an. Die Geige setzte sich gegenüber den Bläsern durch, weil sie den neuen Bedürfnissen nach ausdrucksstärkerem, individuellem und variablem Klang besser entsprach. Aus dem norditalienischen Brescia, einer Stadt mit einer reichen Tradition von Lautenbauern, begaben sich neben anderen Musikern viele hervorragende Geiger in das reiche Venedig, um dort ihren Lebensunterhalt als Musiker zu verdienen. Unter ihnen war ein junger Mann namens Biagio Marini. Er war zugleich Komponist und entwickelte vielleicht als erster eine «geigentypische» Kompositionsweise. Die vorliegende CD präsentiert Werke von mehreren venezianischen Komponisten aus der Zeit zwischen 1615 und 1630. Die gesamte Aufnahme wurde mit Originalinstrumenten in der damals üblichen Aufführungspraxis, der sogenannten mitteltönigen Stimmung eingespielt. Dabei ging es darum, jene klangliche Vielfalt wiederzuentdecken, die durch die Entwicklung des 18. und 19. Jahrhunderts verloren gegangen ist. Die Sonatori de la Gioiosa Marca gehören weltweit zu den derzeit besten Barockensembles, die sich ausschliesslich der historischen Aufführungspraxis widmen.