Im Schubert-Jahr 1978 veröffentlichte EMI sämtliche Klavier-Walzer von Franz Schubert, meisterhaft gespielt von einem jungen italienischen Pianisten, der mich damals tief beeindruckt hat, von dem ich aber danach nicht mehr viel gehört habe: Paolo Bordoni. Die Aufnahme ist Ende 2006 auch auf zwei CDs erschienen und hat für mich nichts von ihrer Intensität verloren: ein ungemein leichts, federndes und inspiriertes Klavierspiel, das diesen Miniaturen den Gehalt und das Gewicht grosser, ganz grosser Musik verleiht.
Nun hat Divox eine Einzel-CD mit ausgewählten Tänzen von Schubert wieder herausgebracht, die Bordoni bereits 1993/94 aufgenommen hat: Nicht nur Walzer dieses Mal, sondern auch die beiden Scherzi D 593, Ländler, Deutsche, Ecossaisen und Einzel-Tänze wie das ungewöhnliche cis-Moll-Menuett D 600.
Bordonis Spiel nimmt einen vom ersten Ton an gefangen: wunderbar artikuliert, voller Farben und Nuancen, abwechslungsreich und überraschend in jeder Wendung, und vor allem mit einem grandiosen Gespür für das agogische "Timing" dieser Miniaturen, von denen jede eine ganze Welt in sich zu tragen scheint. Es ist in diesem nur vordergründig unscheinbaren, viel zu selten gepflegten Repertoire das mit weitem Abstand beste Schubert-Spiel, das ich seit langem gehört habe. Vergleichsaufnahmen (Brendel, Endres und Uchida) nehmen sich daneben so steif und unbeholfen aus, als habe man einen Tänzer mit Rheuma aufs Parkett geschickt.
Michael Stegemann