09.08.1999

Neue Zürcher Zeitung

Orgel - einmal anders

das 19. Jahrhundert war gewiss nicht die grösste Zeit in der Geschichte der italienischen Orgelmusik. Und doch kannte Italien damals einen Organisten, dessen Ruhm ohne Beispiel war: Felice Moretti (1791-1863), der sich nach seinem Eintritt in den Franziskanerorden Padre Davide da Bergamo nannte. Donizetti schätzte ihn, der Verleger Giovanni Ricordi druckte seine Musik. Fast ein halbes Jahrhundert lang wirkte er als Organist an Santa Maria in Campagna, und gleichzeitig bereiste er als Virtuose und Sachverständiger ganz Norditalien. Ohne Zahl sind seine Werke - und da liegt nun die Besonderheit: sein Schaffen orientierte sich nicht am Kontrapunkt, der in der Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts wieder vermehrt gepflegt wurde, sondern an den Melodien der Oper, welche letztlich auf volkstümliches Gut zurückgehen. So glaubt man sich bei den Suonate und den Suonatine, bei den Sinfonie und den Elevazioni ins Theater versetzt. In virtuoser Kantabilitàt erheben sich die Linken, schwungvoll fügen sich die Kadenzen aneinander, und immer ist auch Gelegenheit für einen überraschenden Effekt - zum Beispiel bei der Sinfonia «con il tanto applaudito inno popolare», womit die Kaiserhymne von Joseph Haydn gemeint ist. Mit viel Sinn für die orchestrale Farbigkeit dieser Musik hat Andrea Marcon eine Auswahl aus dem Schaffen von Padre Davide da Bergamo eingespielt, und zwar auf der von 1858 stammenden Orgel, welche die dem Komponisten eng verbundenen Gebrüder Serassi für die Chiesa vicariale die San Agostino erbaut haben.