Eins und eins ergibt in Summe dreissig: je fühnzehn Bachpräludien und, in der je gleichen Tonart Stück um Stück gegenübergestellt, die «Schwesterwerke» von Chopin. Wie weit ist es wirklich her mit der Verwandschaft? Jene zwischen Bachs C-Dur-Präludium und der unmittelbaren Paraphrase von Chopin ist natürlich nicht zu überhören: Die Orientierung an der Basslinie ist ebenso charakteristisch wie die Tatsache, dass sich in beiden Stücken aus den Akkordfolgen so etwas wie eine imaginäre Gesangslinie ergibt.
Chopin hatte im Winter 1838, bei seinem wenig glücklichen Aufenthalt in der Kartause von Valldemosa im bergischen Hinterland von Palma di Mallorca, nach eigener Brief-Notiz Bachs Noten dabei. Aber ganz so einfach hat er es seinen Exegeten natürlich nicht gemacht, dass ihnen jetzt durch blosses Sortieren nach Tonarten die Konkordanzen zwischen den Stücken entgegensprängen. Gerade bei einer strengen Reihung nach Vorzeichen gehen offenkundige Wesensverwandschaften da und dort auch verloren. Also wird der zur Neugier aufgelegte Hörer fast zwangsläufig zum «Zappen» angeregt.
Wie mag Chopins Bach geklungen haben? Von einem ausgeprägten "tempo rubato" berichten Ohrenzeugen. Der niederländische Pianist Jean Goverts lässt sich am Erard-Flügel von 1850 nich ein auf vage Hypothesen. Er ist ja ein profilierter Cembalist und setzt Bachs Musik auch am Hammerflügel mit der beim Kielinstrument nötigen akkuraten Phrasierung um. Dass der kostbare Ton gerade dieses Erard-Instrument auch bei metrischer Strenge zu pianistischem Singen verleitet, schafft eine Brücke zu Goverts ausbalanciertem, emotional nie überschwappenden und die formalen Strukturen klar herauszeichnenden Chopin-Spiel.
Reinhard Kriechmann