06.13.2001

Neue Zürcher Zeitung

Entdeckung einer Perle

Nicht jedes barocke Werk verdient, nur weil die Epoche heute hoch im Kurs steht, ein Revival. Doch der Komponist Luigi Rossi (1598-1653) war mitnichten ein Kleinmeister, ja sein Oratorium «Giuseppe» stellt eine eigentliche Perle aus dem italienischen Seicento dar. Entdeckt hat sie der junge Schweizer Dirigent und Musikwissenschafter Bernhard Pfammatter in der Vatikanischen Bibliothek in Rom. Nachdem er selbst das Aufführungsmaterial verfertigt hatte, stellte er das Werk im November 1998 mit der CappellAntiqua in der Nydeggkirche in Bern der Öffentlichkeit vor. Der vorliegende Live-Mitschnitt präsentiert ein genau aufeinander abgestimmtes Ensemble, das mit den Prinzipien der historischen Aufführungspraxis bestens vertraut ist. Mit geschmeidiger Altus-Stimme erzählt Martin Barrera-Oro die alttestamentarische Geschichte von Josephs Begegnung mit seinen Brüdern in Ägypten. René Perler als Giuseppe verfügt über einen wohlklingenden Bass, dürfte aber, wenn er den misstrauischen Statthalter des Pharao mimt, noch dramatischer agieren. Die übrigen Vokalsolisten als Brüder Josephs und Sklaven Pharaos verpassen ihren Rollen ein deutliches Profil. Die Instrumentalisten begleiten engagiert und temperamentvoll, eine Palette von Continuo-Instrumenten sorgt für eine farbige Ausführung des Generalbasses. Dass das Libretto nur auf Bestellung geliefert wird, ist ein Nachteil.

T. Schacher

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