Da scheint plötzlich bei ganz unterschiedlichen Labels eine Komponistin an Zuspruch zu gewinnen, den sie zu Lebzeiten unbestritten besass, wohingegen sie bei den in den letzten Jahren erschienenen CD-Anthologien weiblicher Komponisten vernachlässigt wurde: Louise Farrenc (1804-1875). Die Schwester des Bildhauers Auguste Dumont und Gattin des Flötisten und Musikverlegers Aristide Farrenc, Schülerin von Reicha, Hummel und Moscheles, Professorin für Klavier am Conservatoire und und Herausgeberin der 20 Bände umfassenden Sammlung «Trésor des pianistes» war als Komponistin durchaus selbstbewusst. Sie liess ihre Werke in bester Besetzung erklingen und erntete das Lob der zeitgenössischen Kritiker, darunter Berlioz und Schumann. Aber gedruckt wurden weder ihre Ouverturen noch die Sinfonien und auch nur ein Teil ihrer Kammermusik, was angesichts der naheliegenden Möglichkeiten einer Verleger-Gattin und - nach dem Tod ihres Gatten - auch selbst langjährigen Verlegerin doch verwundert. Laud der Enzyklopädie «Musik in Geschichte und Gegenwart» sind die drei jetzt auf CD erschienenen Kompositionen bislang unveröffentlicht. Die Beurteilung im MGG-Artikel, es fehle Louise Farrencs Musik an Farbe und Wärme kann man nach dem rein hörenden Zugang zu drei ihrer Kammermusikwerke nicht bestätigen. Im Gegenteil, es handelt sich um sehr gefällige, formal bestens konzipierte und in ihrer Thematik bisweilen durchaus originelle Salonmusik. Als ein reifes Werk erscheint des Trio in e-Moll op. 45, mit grossen Melodiebögen und subtiler Rhythmik, wohingegen die Dreiklangsmelodik in dem von Eleganz getragenen Klarinettentrio op. 44 der Komposition den Gesamteindruck klassizistisch-steifer Etikette verleiht. Die Trios an Bedeutung überragt das aufgrund seiner thematischen Verarbeitung überzeugende Nonett, das stilistisch einzuordnen ist zwischen Mozart und Mendelssohn, wobei das Mendelssohn-Oktett als Vorbild deutlich wird.
Nur eine der CDs, die DIVOX Edition, widmet der Komponistin mit zwei Werken die gesamte Spieldauer. Nicht nur angesichs dieser konsequenten Entscheidung für Werke Louise Farrencs und angesichts des fundierten Beitrags von Beatrix Borchard im Beiheft gebührt dieser CD er erste Rang. Die Klangfülle beim Zusammenspiel der Instrumente des Consortium Classicum ist bestens abgestimmt, wobei Andreas Reiner den bei der Uraufführung von Joseph Joachim kreierten Violinpart des Nonetts sehr dezent beisteuert. Angesichts der unaufdringlichen Virtuosität dieses Ensembles mag sich der Hörer ästhetisch (nicht klangtechnisch!) zurückversetzt fühlen in die Pariser Salons des 19. Jahrhunderts.