07.11.1999

Der Bund

Wer Kompositionen abseits des gängigen Repertoires kennenlernen möchte, bleibt weiterhin auf Tonträger angewiesen. Auf Entdeckungsfreudige warten mannigfache Überraschungen, zum Beispiel dank der französischen Komponistin Jeanne-Louise Farrenc. Unter den Komponistinnen des 19. Jhr., die - es ist hinlänglich dokumentiert - im sozialen Umfeld ihrer Epoche alles andere als einen leichten Stand hatten, tritt neuerdings eine Französin ins Licht: Jeanne-Louise Farrenc (1804-1875). Vergessen war ihr Name zwar nicht; gemeinsam mit ihrem Mann, dem Pariser Musikhistoriker und Verleger Aristide Farrenc, und nach dessen Tod 1865 dann aus eigenen Kräften edierte sie den zwanzigbändigen «Trésor des pianistes», ein Kompendium alter und neuer Klaviermusik, das 1977 wieder aufgelegt worden ist. Louise Farrenc, Tochter des Bildhauers Jacques Edmé Dumont, war durch ihre Klavierlehrer mit der grossen klassichen Tradition verbunden: Sie studierte bei Nepomuk Hummel, dem Mozart-Schüler, und bei Ignaz Moscheles , dem Beethoven Förderer, Lehrer und Freund Mendelssohn, dann, erst 15jährig, bei Antonin Reicha, Schüler von Mozart und Michael Haydn sowie Lehrer Franz Liszts, Harmonielehre und Orchestrierung. Während drei Jahrzehnten, von 1842 bis 1873, wirkte Louise Farrenc als Professorin für Klavier am Pariser Konservatorium. Ihr komposotorisches Schaffen begann sie mit einer Reihe von Klavierwerken, wandte sich dann der Kammermusik in verschiedenen Besetzungen zu und der Orchestermusik: Neben Ouverturen schrieb Louise Farrenc auch drei Sinfonien. Der Grossteil ihres Œuvres ist unpubliziert geblieben. Dem deutschen Klarinettisten Dieter Klöcker und dem Label Divox ist es zu verdanken, dass erstmals Louise Farrencs 1850 mit grossem Erfolg uraufgeführtes Nonett op. 38 eingespielt worden ist - aus dem ungedruckten Manuskript. Das dreissigminütige Werk für Bläserquintett (flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott) und vier Streicher (Violine, Viola, Cello und Kontrabass) dokumentiert auf überzeugende Weise das herausragende Können Louise Farrencs, die in beherrschter Formgestaltung und reicher melodischer Erfindung, der Klassik und der Frühromantik verbunden war. Die sorgsame Detailarbeit, die Transparenz der Faktur, die Frische in der Kombination der Klangfarben, die kantable Eleganz, auch der innerer Zerrissenheit ferne Charakter ihrer Musik weisen viele Gemeinsamkeiten mit Mendelssohn auf. Originiell und eigenständig ist, wie Louise Farrenc in diesem durch das Consortium Classicum musikantisch, sensibel und in ausgefeiltem Ensemblespiel interpretierten Nonett Züge der Bläserpartita, des Instrumentalkonzerts und der Kammermusik verschmilzt. Ebenso eindrücklich auf dieser durch ein ausführliches Booklet begleiteten CD fällt die zweite Komposition aus, das Es-Dur Trio op. 44 für Klarinette,Cello und Klavier. Dieter Klöcker, Peter Hörr und Werner Genuit bringen das viersätzige Opus ebenso feinsinnig wie kraftvoll-zugriffig zu Gehör. (Das gleiche Werk gekoppelt mit Vincent d'Indys Klarinettentrio op. 29, hat übrigens auch das Berner Leroy-Trio auf dem Label Pan eingespielt.) Kein Zweifel: Was von Louise Farrenc bis heute wieder bekanntgemacht worden ist, weckt Interesse am Schaffen dieser herausragenden Komponistin und Neugier auf die weiteren Farrenc-Entdeckungen durch initiative Interpretinnen und Interpreten.