Was die lautmalerische, beschreibende Darstellung des Jahreszeiten-Zyklus anbelangt, eröffneten vor allem die Geiger und Ensembles der Achtziger-Jahre der Alte-Musik-Bewegung völlig neue Perspektiven. In den achtziger und neunziger Jahren hat jeder namhafte Geiger der Szene seinen Vivaldi eingespielt. Wo singen die Vögel im Frühling am schönsten, wo drückt die Hitze im Sommer besonders schwer, wo tanzen die Landsleute im Herbst besonders ausgelassen, oder wo klappern die Zähne im Winter vor Kälte besonders laut? Fragen, die nicht pauschal zu beantworten sind, hier spielen immer Fanasie und Toleranzgrenzen des Hörers mit. Problematisch ist punktuell eine gewisse Tendenz zur Übertreibung, der Zwang eben alles noch einmal deutlicher sagen zu wollen. Ob Standage, Biondi, Onofri, Manze oder Carmignola: Sie alle haben dazu beigetragen, dass Vivaldis Jahreszeiten-Welt bunter erscheint als zuvor.
Unübertroffen scheint mir bislang Giuliano Carmignolas erste Aufnahme mit den Sonatori de la Gioiosa Marca von 1992. Ein Geniestreich: packend lebendig, instrumental äusserst brilliant, klanglich transparent und farbig bis in den letzten Winkel der Partitur.
Norbert Hornig