Alte Musik Aktuell

2/1996

Alte Musik Aktuell

Die Platte des Monats

...Die Sonatori de la Gioiosa Marca sind ein Phänomen per se - bereits als die Bestellnummer der «le humane passioni» bekanntgegeben wurde, hagelte es bei uns Bestellungen. Warum? Nun, hören Sie sich nur diese CD an! Die Gruppe aus Treviso, aus der Fröhlichen Mark der ehemaligen Terra ferma Venedigs, hatte ein spektakuläres Plattendebüt mit der Einspielung der Quattro Stagioni. Diese Debüt-CD ist für mich nach wie vor die beste Interpretation des allseits bekannten Vivaldi-Opus. Ebenso spektakulär, wenn nich so gar noch spektakulärer, möchte ich jedoch die «Humane passioni» bewerten. Denn die Stücke sind relativ unbekannt, obschon man natürlich in diversen Zirkeln «l'amoroso» oder «il piacere» kennt. Auch gibt es speziell bei diesen Concerti Vergleichsmöglichkeiten: Doch ich nenne keine Namen, denn der Unterschied zwischen den Sonatori und den Vergleichs-CDs (eingespielt mit namhaften Interpreten) ist kosmisch. Und man wäre wohl an bestimmten Stellen zumindest pikiert, würden Namen hier genannt! Bei der neuen Sonatori-CD war es der Gruppe nun möglich, in einem Kompositionsbereich zu agieren, der bis heute relativ arm an Interpretationen ist. Die Stücke sind unbekannt. Dass sie nun genauso spannend und packend und bewegend «kommen», wie bei den erwähnten «Quattro Stagioni», liegt also nicht an der Komposition, bzw. deren Bekanntheitsgrad, sondern ausschliesslich (und das betone ich gerne noch einmal!) an der absolut überzeugenden Interpretation des Ensemble.! Die Schönheit dieser CD besteht nämlich auch darin, dass - werksbedingt - die Solovioline des begnadeten Giuliano Carmignola etwas zugunsten des Ensembles zurückgenommen ist. Das war ja bei den VIer Jahreszeiten nicht möglich, zu sehr musste da die Solovioline dominieren. Nun, nachdem der Klang der Solovioline aus dem Ensemble selbst heraus entsteht, hört man das wunderbare Zusammenspiel dieses Ensembles, eine Gruppe von Freunden. Man kann tatsächlich die positiven Schwingungen und Strömungen ausmachen, welche die Sonatori auszeichnen. Hier musizieren nicht nur Profis, die so gut wie möglich ihren Job machen, hier treffen sich hochsensible Menschen, die sich gerne mögen, die gerne miteinander musizieren, sich gegenseitig die (interpretatorischen und musikalischen) Bälle zuspielen - da gibt es keine Eitelkeiten, keine Starallüren. Hier ist nämlich jeder so ausgezeichnet, dass er sich problemlos und verkrampft einbringen kann. Das tut dieser Musik so gut, und das hört man in jedem Motiv, in jeder Bewegung, jedem Aufstrich, jedem Cembaloakkord, jedem Ton der Erzlaute. Das ist Vivaldi und das ist das Licht des Veneto, das - und nur das ! - ist wahre Musik.