Mit einer Sammlung ein- und mehrstimmiger Musik des 13. und 14. Jahrhunderts aus polnischen Klarissenklöstern unternimmt das «ensemble peregrina» eine weitere Erkundung mittelalterlichen Repertoires unter einem bestimmten Leitmotiv. In diesem Fall ist es jene Sphäre, die von Person und Vermächtnis der heiligen Klara (1194–1253) inspiriert wurde. Der Klarissenorden fasste spätestens seit der Bestätigung der Ordensregel im Todesjahr der Heiligen überall in Europa Fuss. Mit ihm kamen auch die musikalischen Traditionen in verschiedene Regionen, unter anderem ins südliche Polen.
Musikalisch verband sich schon mit dem Namen der Ordensgründerin Vielschichtiges: Nicht nur die direkte Deutung «klar» ist möglich, auch mit den Worten leuchtend, erlaucht, rein, oder im akustischen Sinn hell kann das lateinische Wort in Verbindung gebracht werden.
Das spiegelt die eingesungene Musik denn auch wider: Die überwiegend vertretenen Sequenzen und Motetten reichen von schlichter und konzentrierter Einstimmigkeit über organale Klänge bis hin zu einer relativ bewegten Mehrstimmigkeit. Vor allem die Motetten haben eine durchaus rhythmische Komponente und sind nicht ausschliesslich auf den linearen Fluss orientiert. Er überwiegen aber die klar geführten Linien, die weit ausgreifenden vokalen Phrasen. Agnieszka Budzinska-Bennett und ihre Mitstreiterinnen begeben sich mit dem Programm auf eine interessante musikhistorische Fährte - und zeichen sich in der Verknüpfung von Interpretation und Suche, von Praxis und Theorie in der grossen Tradition der Schola Cantorum Basiliensis.
Aber auch rein musikalisch können die vier Vokalistinnen überzeugen: Sie verfolgen ein gemeinsames Klangideal - das stimmliche Zusammenwirken mutet gelegentlich fast wie ein «Ineinander-Aufgehen» an. Doch auch der Beweis, dass es sich wirklich um individuelle Stimmen handelt, wird in mancher Motette erbracht, dann sogar fast mit gewissen Freiheiten in stimmlicher Entfaltung und Gestaltung. ... Insgesamt zeichnen sich die Vokalistinnen frisch und unerwartet klangorientiert, gleichwohl sensibel. Ob in einstimmigen oder komplexeren Sätzen - das «ensemble peregrina» kultiviert ein kristallines Klangbild von aussergewöhnlicher Reinheit.
Dr. Matthias Lange