22/2006

Toccata

Süssester Seufzer

Im Jahr 1602 publizierte Giulio Caccini (c.1550–1618) sein berühmtes und informatives "Le nuove musiche". Die eigentliche Neuheit dieser Publikation besteht in der Sorgfalt der Ausführung, der Notierung der Verzierungen, die er auf den Text und den sprachlichen Ausdruck bezogen genauestens bestimmt. Caccini möchte sein Werk genauso aufgeführt wissen, wie er es als Komponist auch vorgesehen hat.

Das war nicht immer so. Caccini benennt als Grund für seine "Nuove Musiche", dass er "die musikalishen Studien - die ich ... geschrieben hatte - sowie andere zu verschiedener Zeit komponierte Madrigale und Arien nicht veröffentlichte ..., dass ich sie nur wenig schätzte." Das klingt brutal und verblüffend. Da schreibt ein Komponist Madrigale und lässt sie in der Schublade liegen, weil er das Sujet nicht mag.

"Mir schien," so schreibt Caccini weiter,"diesen Musiken wäre genug Ehre - viel mehr, als sie verdienten - zuteil geworden seitens der berühmtesten Sänger und Sängerinnen Italiens und anderer Liebhaber dieser Profession." Warum aber veröffentlicht er dann seine Sammlung von Arien und Madrigalen, die er Jahre zuvor, in den 1570er und 1580er Jahren geschaffen hatte? "Aber nun sehe ich, wie viele davon zerstückelt und entstellt im Umlauf sind", lässt er sich weiter aus. "Ich bin deshalb von Freunden inständig dazu gedrängt worden, meine Musiken drucken zu lassen..."

Diese Nuove Musiche sind also sozusagen ein akademisches Lehrbuch des Schöngesanges in der Hochblüte der Renaissance, die bald dem Barock weichen sollte. Doch haben sie nichts vom Elfenbeinturm oder der staubtrockenen Akademie, sind wunderschöne Gebrauchsmusik geblieben, edel und elegant gesetzt und ebenso von Roberta Invernizzi auf der vorliegenden Einspielung mit der Accademia Strumentale Italiana (Alberto Rasi, Béatrice Pornon, Luca Guglielmi und als Gast Rolf Lislevand), unter Alberto Rasi interpretiert. Zu den Arien und Madrigale Caccinis fügte man noch Instrumentalwerke seiner Zeitgenossen, wie Orazio Bassani, Luzzasco Luzzaschi, Vincenzo Bonizzi, Giovanni Antonio Terzi und Claudio Merulo.

Diese Musik ist Alberto Rasis Lieblingssujet, da gibt es keinen Zweifel. Seit Jahren überzeugt er, der auf jedem Gebiet sattelfest und exquisit musiziert, vor allem bei der Renaissancemusik absolut. Ich denke an die vielen CDs und de Live-Konzerte, die ich mit ihm erleben durfte. Hier verzichtet er stets und ganz bewusst auf das Spektakuläre, bleibt immer elegant, zurückhaltend und vorsichtig, dient damit der Kompositionsvorlage am besten. Dabei verzichtet er auf Ruhm und vordergründigen, Schenkel klatschenden Applaus, formt und schafft stattdessen edle und subtile Klänge, deren Schönheit vor allem Konzentration erfordern und sobald man sich so präpariert hat, den Hörer magnetisch anziehen und nicht mehr loslassen. Zugegeben, das ist die Königsdisziplin in der Alten Musik und ich denke mit Wehmut an den Spruch aus dem Evangelium nach Matthäus: "Qui habet aures audiendi, audiat - Wer Ohren hat zu hören, höre!"

An diesem, darf ich sagen Unvermögen, scheitert es meist. Doch kann es wirklich geschehen, dass man die Schönheit dieser Musik und vor allem dieser feinsinnigen Interpretation in unserer vorlauten Zeit nicht mehr wahrnehmen kann? Die entwaffnende und reine Schönheit eines "Torna deh torna" oder "Amarilli", zu Herzen gehend interpretiert von einer grossartigen Roberta Invernizzi und einem Ensemble, welches hier das Beste vom Besten bietet?

Robert Strobl

Related records

«Dolcissimo Sospiro» Orazio Bassani | Claudio Merulo | Giulio Caccini | Francesco Bassani | …

«Dolcissimo Sospiro»

Madrigale di Giulio Caccini (1550-1618)