März 2007

Fonoforum

Mikrokosmen

Mit der Abkehr von der hohen Kunst der Renaissance-Polyphonie und der Hinwendung zum generalbassbegleiteten Sologesang lenkten Giulio Caccini (1545–1618) und seine Kollegen der Florentiner Camerata den Blick auf die Emotionen des Individuums. Diese sollten zunächst möglichst rein und natürlich zum Ausdruck kommen, dann aber durch improvisierte Verzierungen und bewusste Regelüberschreitungen wieder einen besonderen persönlichen Zug erhalten. Diesen letztgenannten Aspekt scheinen die Interpreten seinerzeit schnell übertrieben zu haben, denn Caccini sah sich genötigt, in seinen Publikationen der "Nouve Musiche" (1602 und 1614) genaue Anweisungen bezüglich der Spielräume zu geben.

Roberte Invernizzi beweist nun ein sehr kluges Augenmass, denn sie bindet mit ihrer klaren, warmen Stimme die Verzierungen völlig organisch in den Melodiefluss ein, und ihr Vortrag is weniger von theatralischen Ausbrüchen als von einer sehr differenzierten Dosierung der Ausdrucksmittel bestimmt. Auf diese Weise werden die elf ausgewählten Monodien zu in sich abgeschlossenen Mikrokosmen, in denen Text und Musik eine perfekte Balance bilden. Die Accademia Strumentale Italiana sorgt mit Gambe, Laute und Cembalo für eine farbige, abwechslungsreiche Begleitung, wobei die Kombination dieser drei Instrumente eher modernen Hörgewohnheiten entspricht, während Caccini offenbar ein einzelnes Instrument zur Begleitung bevorzugte. In acht Instrumentalwerken zeigt die Accademia eindrucksvoll, mit welch wilden Trieben das Prinzip der Verzierung und Diminution auf nichtvokale Musik übertragen wurde. Beiheft ohne Übersetzung der Gesangstexte.

Musik: *** (von 5) Klang: *** (von 5)

Matthias Hengelbrock

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