Bülacher Tagblatt

Die neuste CD des Blockflöten-Ensemble «Diferencias» unter der Leitung von Conrad Steinmann verspricht eine phantasievolle Zeitreise durch das Andalusien und Spanien des 13. bis 16. Jahrhunderts. Das Ensemble stellt Musik aus zwei sehr verschiedenen Epochen vor: zum einen faszinierend strenge klösterliche Musik des Codex Las Huelgas und zum anderen Musik von Antonio de Cabezon, Cristobal Morales und heiter-melancholische «Villancicos» aus dem «Cancionero de Palacio». Conrad Steinmann, der Leiter des Ensembles, ist neben seiner ausgedehnten Konzerttätigkeit als Solist sowie Ensemblemitglied Lehrer an der bekannten Musikhochschule für Alte Musik in Basel, der Schola Cantorum Basiliensis. Mit dem Programm, das vielfältig zwischen Orient und Okzident pendelt, wird der Hörerschaft die Kunst der Ornamentik, so wie sie auch in der Baukunst der damaligen Zeit auf höchstem Niveau gepflegt wurde, vorgeführt. Gleichzeitig wird das Wechselspiel zwischen maurischen und europäischen Elementen facettenreich zum Erklingen gebracht. In Spanien treffen verschiedene Kulturen aufeinander. Spanien hat jahrhundertelang, bis über die Inquisition hinaus, von diesem Zusammentreffen und der Vermischung der Kulturen gelebt. Über den Weg nach Spanien haben wir Westeuropäer den Arabern eigentlich viel zu verdanken. Das altgriechische Kulturerbe ist uns über Spanien beziehungsweise die dort niedergelassenen Araber übertragen worden. Während der Blütezeit arabischer Wissenschaft und Kultur bis kurz vor 900 wurden viele arabische Gelehrte nach Griechenland geschickt, um bis dahin nicht bekannte altgriechische Texte zu suchen, auszuwerten und ins Arabische zu übersetzen. Durch arabische und jüdische Niederlassungen in Südspanien, wo damals bedeutende Stätten von Kultur und Bildung gebaut wurden, sickerte das Wissen im Laufe der Jahre in die christliche Kultur ein. Glänzende Übersetzungsleistungen von Arabern und Juden eröffneten die Texte christlichen Denkern. Ohne die sprachenkundigen Arabern und Juden hätten wir den Zugang zur griechischen Philosophie vielleicht verloren. Das Arabische hielt sich auch nach der Inquisition und der Vertreibung der Juden und Araber durch die Königin Isabel bis ins 20. Jahrhundert hinein. Das maurische Element ist immer noch überall präsent. Es gibt spanische Jugendstilgebäude im sogenannten Mudejar-Stil, die unverkennbar maurische Elemente aufweisen. Und es gibt starke maurische Elemente in der Musik, wie Kenner der Folklore anhand spanischer und italienischer Volksmusik schon lange wissen. Was hier nun vom Flötenensemble «Diferencias» geboten wird, ist klassische alte Musik mit maurischen Elementen, die ihre Reize schon nach den ersten Tönen entfaltet und den Hörer unweigerlich in ihren Bann zieht. Eine nicht alltägliche Produktion, die eine wirkliche Bereicherung ist.