10.21.2002

Der Bund

Zauber der Oboe

Das Zürcher Oboenquartett begeisterte im Konservatorium Bern

Die Idee mag für ein kreatives Bläserensemble, wie es die vier jungen Musiker des Zürcher Oboenquartetts darstellen, naheliegend sein, und dennoch ist sie absolut genial: die Rekonstruktion einer originalen Stimmwerkbesetzung für die Familie der Doppelrohrblattinstrumente, bestehend aus Oboe, Englischhorn, Tenor-Oboe und Fagott. Derartige Consort-Besetzungen waren zur Zeit der Renaissance häufig, sie gerieten aber im 18. Jahrhundert zunehmend in Vergessenheit. Mit der Wiederentdeckung der Tenor-Oboe nun schaffte das Ensemle aus Zürich die Voraussetzung für die Realisierung ihrer Idee. Der warme, sonore Klang der Tenor-Oboe ist demjenigen der Viola im Streichquartett vergleichbar, deren Stimmlage sie auch verkörpert. Was die zwei Damen und zwei Herren, Martin Gebhardt, Kathrin Brun, Miriam Moser und Marc Jacot, im Grossen Saal des Konservatoriums Bern am Freitagabend vor durchmischtem Publikum zu Gehör brachten, liess weder bezüglich der Bearbeitungen noch der Interpretation Wünsche offen. Selten werden Miniaturen slawischer Ausdrucksmusik technisch so perfekt und musikalisch dennoch derart hinreissend aufgeführt.

Geniales Finale

Zwar wirkten die vier Sätze aus Janaceks wenig bekanntem Zyklus «Auf verwachsenen Pfaden» - ursprünglich für das Harmonium respektive für Klavier komponiert - leicht und gefällig, aber noch etwas brav. Doch mit dem eigens für dieses Ensemble komponierten Quartett «Liebe gute Freiheit» des Zeitgenossen Juraij Filas wurden sämtliche Möglichkeiten dieser faszinierenden Instrumente ausgeschöpft: die drei Sätze erinnern an eine angeregte Gesprächsrunde, mal höflich plaudern, mal hektisch diskutierend, bis sich alle Register in einem genialen Finale zu einem harmonischen Konsens finden...

Erfolg auf CD?

Perfekte Ausgewogenheit im Gesamtklang und ausdrucksstarke Sensibilität auch in Anton Dvoraks reifem «Amerikanischen Quartett». Absolut erstaunlich, wie das Cantabile der Violinen - hier im Original ein Streichquartett - von den Oboen umgesetzt wurde, ganz zu schweigen von deren Leichtfüssigkeit in den tänzelnden Rhythmen der slawischen Volksmusik. Bleibt zu wünschen, dass sich das grosse Engagement des Ensembles auch am Erfolg der soeben erschienenen CD niederschlagen möge.