Das Schweizer Label Divox ist mit seiner Antiqua-Serie noch immer ein diskographischer Geheimtipp, auch wenn die Firma jetzt durch den Vertrieb von Naxos besser in den Regalen der Geschäfte aufgestellt ist. Ihre hochwertigen Aufnahmen bringen nicht nur technologisch einen verblüffenden Klang, sie sind eben auch von der Interpretation der sehr sorgfältig ausgewählten Solisten und Ensembles etwas Besonderes. Das ist musikalisch nicht für ein breites Publikum gemacht, sondern eher etwas Exklusives für fortgeschrittene Kenner, die Freude daran haben, auch in der Alten Musik immer noch etwas Neues entdecken zu können. Der fast einhundert Seiten starke Katalog der Firma Divox verzeichnet inzwischen ein breites Spektrum von Musik, die auch in die Gegenwart reicht. Ein Schwerpunkt ist und bleibt jedoch die Antiqua-Reihe, die mit immer neuen Veröffentlichungen von sich reden macht. Aus der Fülle der Aufnahmen sei eine der acht Vivaldi-CDs herausgesucht, die den Titel «Concerto Stravagante» trägt. Stravagante heisst eigentlich wunderlich, doch ist hier wohl mehr die Bedeutung von verwunderlich oder extravagant gemeint, eine Auslese des Besonderen. Das kleine, nur siebenköpfige Ensemble «I Sonatori de la Gioiosa Marca» musiziert mit dem Solisten Giuliano Carmignola drei Violinkonzerte von Vivaldi in einer Weise, wie man sie noch nicht gehört hat. Es ist nicht die Tatsache, dass man hier auf historischen Instrumenten spielt, das tun andere auch. Es ist mehr die Technik, wie man sich um Details kümmert, wie man völlig neue Sicht- und Spielweisen entwickelt, wie man Vivaldi auf aufregende Art neu entdeckt. Böse Zungen haben einmal gesagt, Vivaldi hätte ein und dasselbe Konzert 300 Mal geschrieben, so gleich klängen seine Solowerke. Das ist hier anders: man erlebt eine Aufführungspraxis, die nicht den vollen, breiten Orchestersound propagiert, sondern kammermusikalische Begleitungen für eine unglaublich virtuose Solostimme. Auf der gleichen Scheibe sind dann noch ein Concerto per archi e basso continuo, also ein Werk bei dem alle Streicher gleichermassen solistisch musizieren, sowie ein Concerto per tre violini, viola e b.c., beides eher unbekannte Werke des «padre rosso», des rothaarigen Komponisten im Priesterstand. Das Ensemble agiert bereits seit 1983 und ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Man kann nicht genug von ihnen hören. Divox hat da bereits reichlich vorgesorgt mit weiteren Aufnahmen.
Wolfgang Teubner