Wer interessiert sich heute eigentlich noch für Antonio Vivaldi? Natürlich - seine Musik ist nach wie vor ungemein populär, seine Werke, besonders seine Violinkonzerte, liegen in zahllosen Einspielungen vor. Doch schon der zweite Blick zeigt, dass die Konzertpraxis Vivaldis reiches Schaffen auf einige wenige Werke reduziert. Vor allem aber scheint er kein Objekt ernsthafter musikwissenschaftlicher Auseinandersetzung zu sein. Zu eingängig und inproblematisch wirkt seine Musik, als dass sie für die Interpreten der Gegenwart noch lohnende gestalterische Reibungspunkte bieten könnte. Dass die gängige Vivaldi-Lesart freilich oft allzu klischeehaft und reduziert ist,beweist eine neue Einspielung, die Giuliano Carmignola jetzt mit dem Ensemble «Sonatori de la Gioiosa Marca» vorgelegt hat. Das klingende Resultat jedenfalls ist geradezu frappierend in seinem Farben- und Ausdrucksreichtum, in der Fülle seiner Nuancen und in der Lebendigkeit des Vortrages. Carmignola und die Sonatori de la Gioiosa Marca entfalten dabei scheinbar mühelos und selbstverständlich eine Vielfalt an Klangfarben, die das böse Diktum, Vivaldi habe im Grunde nur ein einziges Concerto, dieses aber vieldutzendfach komponiert, an absurdum führt. Denn in dieser Aufnahme gewinnt jeder einzelne Satz seine unverwechselbare Klangfarbe, die bisweilen gar im Concerto «il riposo - per il Santo Natale» - auf frappierende Weise fast aneine Glasharmonika denken lässt. In der Vivaldi-Diskographie sind Carmignola und den Sonatori damit höchst aufschlussreiche interpretatorische Entdeckungen gelungen.