Grosse Gefühle, Opern und Sinfonien waren seine Sache nicht, obschon er als stilsicherer Vollender von Busonis «Doktor Faustus» bekannter wurde als mit seinem eigenen Schaffen: Philipp Jarnach (1892-1982) zeichnete sich als Komponist, Pädagoge und Kritiker durch einen hohen Grad an Diskretion aus, der zu einem beträchtlichen Teil auf seine Herkunft zurückzuführen ist. Als Sohn eines angesehenen katalanischen Bildhauers und einer Französin mit flämischen Vorfahren in Noisy zur Welt gekommen, nahm er zwar 1931 die deutsche Staatsangehörigkeit an, blieb aber durch seine formale Klarheit und seine luzide Schreibweise der lateinischen Kultur weiterhin verbunden. Trotz zahlreichen Aufführungen seiner orchestralen «Musik mit Mozart» (1935) und der für Streichquartett gesetzten «Musik zum Gedächtnis der Einsamen» (1952) verblasste der Name des Musikers, der nach der Leitung einer Meisterklasse für Komposition an der Kölner Musikhochschule (1927-1949) zum Direktor der Staatlichen Hochschule für Musik in Hamburg ernannt wurde. Als gefragter Kompositionslehrer, zu dessen Schülern Kurt Weill und die Schweizer Paul Müller-Zürich und Robert Oboussier zählen, hatte Jarnach schon während des Ersten Weltkrieges am Zürcher Konservatorium gewirkt. Seit 1915 stand er dort in freundschaftlichem Kontakt zu Ferruccio Busoni, zu dessen Opern «Arlecchino» und «Turandot» er den Klavierauszug erstellte.
Stehen die beiden um 1911 noch in Paris entstandenen Samain-Vertonungen «Ville morte» und «Arpège» in der impressionistischen Tradition der damaligen Vorbilder Debussy und Ravel, so bekundet die in Zürich geschriebene Sonatine op. 12 für Flöte und Klavier (1919) die Hinwendung zu Busonis Neuer Klassizität. Die noble Zurückhaltung im Emotionalen, die Ausgewogenheit von linearer Zeichnung und einer in atonale Bereiche vorstossenden Harmonik, vor allem aber die Konzentration auf das Wesentliche, wie sie in der einsätzigen Sonatine als reife Stilmittel auffallen, behielt Jarnach bei, als er Busoni 1921 nach Berlin folgte, wo er mit der musikantisch durchpulsten Sonate op. 13 für Violine solo, den zart-expressiven Fünf Gesängen op. 15 und der die Drei Klavierstücke op. 17 krönenden Sarabande einige seiner gehaltvollsten Werke schuf. Von einer weiteren Läuterung des Klaviersatzes zeugt das Amrumer Tagebuch op. 30 von 1941/42, dessen feine Klangabstufungen Kolja Lessing besonders zu liegen scheinen. Martin A. Bruns (Bariton) und Heinrich Keller (Flöte) tragen ebenfalls mit überzeugendem Engagement zu diesem ersten CD-Portrait Jarnachs bei, das zwei reichhaltig dokumentierte Booklets enthält.