Juli/August 2005

Musik & Kirche

«Subtil»

Beinahe in Vergessenheit geraten ist nördlich der Alpen einer der führenden Vertreter der italienischen Orgelkunst um 1600: Claudio Merulo. Der 400. Todestag des zeitweilig am Markusdom in Venedig amptierenden Organisten bot im Jahre 2004 den Anlass für eine Gesamteinspielung der Orgelwerke auf vier CDs, die der junge italienische Organist Stefano Molardi vorgelegt hat. Für die erste Folge, die dem Rezensenten vorliegt hat er die um 1533 für den Dom im friaulischen Valvasone erbaute Orgel von Vincenzo Colombi ausgewählt. Das von Francesco Zanin (Udine) hervorragend restaurierte Instrument hat eine bemerkenswerte Disposition: Tenor (10'), Oktav, 2', 1 1/3', 2/3' und Flöte 2' und einem Umfang von F-f2 (ohne Fis und Gis). Zusammen mit den im Pfarrarchiv aufbewahrten originalen Registeranweisungen Colombis, die Molardi in seine Aufnahme einbezieht, stellt sie ein Dokument von unschätzbarem Wert dar, das auf der Aufnahme frisch und brillant, zugleich aber auch warm und ausdrucksvoll erklingt.

Molardi hat Merulos Kompositionen so geordnet, dass beim Zuhörer keine Langeweile aufkommt: Brillante, im Ripieno gespielte Toccaten wechseln sich mit ehrwürdigen Ricercaren und launigen Canzonen ab, die wie Charakterstücke ("La Pazza" - "Die Wahnsinnige") oder als Huldigung von Persönlichkeiten ("La Palma") daherkommen. Zugleich vermeidet ihre Anordnung allzu grosse (tonartliche) Kontraste. Gleichwohl wird sich nach gut vierhundert Jahren der Reiz dieser Musik nur allmählich erschliessen, zu subtil verbirgt sich die Kunst des venezianischen Organisten hinter feiner Kontrapunktik, perlenden Ornamenten und strahlenden Klängen. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird durch Molardis engagiertes Spiel reich belohnt.

Das ansprechend gestaltete viersprachige Booklet (italienisch, deutsch, englisch, französisch) bietet eine gute Einführung in die Musik Merulos sowie lesenswerte Informationen über die Orgel - lesenswert trotz einiger sinnentstellender Übersetzungsfehler. Die technische Raffinesse der Aufnahmetechnik - die CD ist nunmehr in "2+2+2-Technik" aufgenommen - vermochte der Rezensent auf den ihm zur Verfügung stehenden Abspielgerät indessen nicht zu überprüfen.

Matthias Schneider

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