21.5.2005

Codex Flores

Claudio Merulos Orgelwerke

Einer wird gewinnen. Wettspiele wurden nicht nur in Sportarenen veranstaltet. Immer wieder traten Gladiatoren der Musik gegeneinander an, mal freiwillig, mal gezwungenermassen, um sich in der Kunst des Instrumentalspiels und der Improvisation auszustechen. ....

1557, in Venedig, wurde ein Concorso durchgeführt zwischen dem 24jährigen Domorganiten von Brescia und dem berühmten, um gut zwanzig Jahre älteren Andrea Gabrieli, dem offiziellen Komponisten der Republik. Der Nachwuchsmusiker schwang obenaus: Claudio Merulo wurde 2. Organist an San Marco und rückte 1566 als Hauptorganist an die Stelle Annibale Padovanos. Das Amt an der zweiten Orgel versah nun Andrea Gabrieli; er war wohl kenntnisreich (und selbstkritisch) genug, um die Qualitäten Merulos schätzen zu können.

Denn Claudio Merulo - 1533 in Corregiio (Reggio Emilia) geboren und 1604 in Parma verstorben - brillierte nicht nur als Organist und Improvisator, er widmete sich komponierend auch der Instrumental- und Vokalmusik, zudem der Edition von Notenwerken und dem Orgelbau: Ein Orgelpositiv von Merulos Hand hat sich im Konservatorium von Parma erhalten. Nach zweijährigem Aufenthalt in Mantua trat Merulo 1584 in den Dienst des Conte Ranuccio Farnese.

Der italienische Organist Stefano Molardi hat es als Pionier unternommen, das gesamte Orgelschaffen Claudio Merulos einzuspielen; das erste der beiden Alben liegt nun vor und zeugt von der Genialität des Komponisten wie von der Inspiration des Interpreten, der gut zwei Dutzend Werke auf der grossartigen, aus Merulos Geburtsjahr stammenden, 1999 restaurierten Orgel von Valvassone (Pordenone) farben- und kontrastreich zum Erklingen bringt. Nicht berücksichtigt in der Gesamteinspielung sind die der Kirchenmusik zugehörenden "Messe d'invavolatura d'organo", Venedig 1568.

In seinem Orgel-Œuvre - erhalten in sieben Sammelbänden, die zwischen 1567 und 1611 in Venedig bzw. in Rom erschienen sind - hat sich Merulo mit allen damaligen Hauptgattungen der italienischen Tastenmusik auseinandergesetzt (Ricercar, Canzona, Versetto und Toccata) und sie formal, technisch, melodisch und harmonisch zu dichter Expressivität und Innenspannung entwickelt. Hörend erfahren lässt sich Claudio Merulos Stellung: Mit ihm kulminiert und endet - ähnlich wie später bei Bach - eine Epoche (die Renaissance) und öffnet sich eine neue (der Barock).

Die persönlichen Leistungen sind Merulo gelungen in seinen Toccaten in der Nachfolge Andrea Gabrielis. Es sind virtuose, reich verzierte Stücke, in denen er erstmals kontrastierende Teile - Passagen mit schnellen Läufen und Arpeggien, kontrapunktische Imitationen - zu einem homogenen Ganzen fügt. Über Italien hinaus setzten diese Toccaten Massstäbe: Merulos Ausstrahlung prägte die norddeutsche Toccata der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts.

ws

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