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9/1996

Fonoforum

Bekannt ist er in engeren Kreisen der Avantgarde als Lehrer und Theoretiker der Zwölftontechnik, im weiteren Umfeld als fanatischer Dirigent der Notentreue und als Verfechter der originalen Metronomzahlen bei der Interpretation der Sinfonien Beethovens. Beides ist richtig und doch einseitig. Vergessen wird hierbei einerseits der schöpferische Musiker, zum anderen aber auch der begeisterte Interpret «leichter» Klassik von Chabrier über Offenbach bis hin zu Khatchaturian. René Leibowitz wurde 1913 geboren - wo, dazu gibt es unterschiedliche Angaben: Warschau oder Riga. Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns ging in Paris zur Schule und lebte auch dort bis zu seinem Tod im Jahre 1972. Dazwischen aber liegt das Leben einer faszinierenden intellektuellen Persönlichkeit: frühreif und wissbegierig, befreundet mit Rudolf Kalisch und Theodor W. Adorno, als Publizist zugehörig den Résistance-Intellektuellen Georges Bataille und Jean-Paul Sartre, vor allem aber früh begeistert für die konstruktive Wucht der Schönberg-Schule, der er sich zeitlebens konsequent verbunden fühlte - als Komponist, hingebungsvoller Interpret, Lehrer und Verfasser bahnbrechender theoretischer Schriften. Nun gibt es endlich eine repräsentative Auswahl seiner Kompositionen auf Schallplatte. Dokumente einer eigenständigen Auseinandersetzung mit der Zweiten Wiener Schule, aber auch - gerade heute in postmodernen, neoharmonischen Zeiten - Miniaturen des komprimierten Ausdrucks, der aus kristallenen Konstruktionen herausleuchtet. Aehnlich wie Webern und dem frühen Berg oder heute Kurtag gelingt es Leibowitz, in Stücken von wenigen Minuten Dauer und für ein winziges, aber klangfarblich exquisites, manchmal erstaunliches Instrumentarium ein hohes Mass jener Art von Intensität zusammenzufassen, wo die konstruktive Logik selbst in Expression umschlägt - eine Haltung und auch ein klangliches Ergebnis, wie man es aus der strukturellen Dichte Machauts, Ockehems, des späten Bach und natürlich Webern kennt. Nicht zufällig entwickelte Leibowitz auch eine besondere Fähigkeit zum musikalischen Humor, etwa in den «nicht-seriösen» Variationen oder in den Dada-Vertonungen. Seine Verehrung für Schönberg (den er noch nach dem Krieg in Los Angeles besuchte) spiegelt sich auch in Titeln und Besetzungen, etwa der Serenade oder den Klavierstücken Opus 19, aber auf eine sehr geschichtsbewusste Weise auch in den «Tre Intermezzi» für Klavier, die durch den hier fortgeführten expressionistischen Schönberg hindurch auch eine Hommage an den späten Johannes Brahms darstellen. Hohes Lob gebührt den Interpreten um das Ensemble Aisthesis, die mit Engagement und Können, aber auch mit Spielwitz und Intelligenz jedem einzelnen der Werke in immer wechselnden Kombinationen von Instrumenten seine besondere Farbe geben. Diese Edition ist auch deswegen von Bedeutung, weil heute ein gewisser Trend, populistisch-minderwertiges als das musikalisch Eigentliche hinzustellen, sich gezielt gegen die «intellektuellen» Traditionen der Moderne wendet. Künstler wie René Leibowitz sind hier nicht die atonalen Umstürzler, sondern ganz im Gegenteil die besseren Traditionalisten.