Nr. 32 | 02.08.1996

Die Zeit

Manches aus seinem Leben war selbsterfundene Legende, beginnend mit dem Geburtsort Warschau. In Wahrheit kam René Leibowitz (1913-1972) in Riga zur Welt ( und war mit dem israelischen Religionsphilosophen Yeshayahu Leibowitz verwandt). Dass Georges Bataille ihn während der deutschen Okkupation von Paris jahrelang - wie den Nachlass Walter Benjamins - versteckt hielt, stimmt jedoch. Und nur zu wahr ist, dass der Undank seines zu Macht gelangten Schülers Pierre Boulez noch immer nachhaltig die Geltung des Leibowitzschen kompositorischen œuvre verdunkelt. Es kommt unter diesen Umständen einer Sensation nahe, elf seiner Werke - entstanden zwischen 1944 und 1970 - auf einer CD vereinigt zu finden. Zu danken ist sie dem Dirigenten Walter Nussbaum, der mit seinem ensemble aisthesis seit Jahren unermüdlich für Leibowitz eintritt und ein besonders kongeniales Verhältnis zu dessen Musik beweist. Diese ist anders als ihr Ruf. Zwar bleibt die Ortodoxie der streng aus dem Schönbergschen und wohl mehr noch dem Webernschen Modell hergeleiteten Zwölftonkonstruktionen meist unverkennbar, doch ist dies nur die technische Seite. Der Wiener Schule inkommensurabel ist hingegen oft genug die Leibowitzsche Ästhetik mit ihren dadaistisch-surrealistischen Dimensionen, die nicht bloss in den Vertonungen der Gedichtet von Tristan Tzara und Georges Limbour, wo sie sozusagen thematisch sind, verblüffen. Namentlich in der Jazz-Persiflage der «Variations non sérieuses» über «Marijuana» tut sich eine frei phantasierte schräge Welt ganz eigenen Wesens auf, von der sich nicht einmal der Berg von «Lulu» etwas hätte träumen lassen.