Sections

7/1996

Bärenreiter Verlag

Konsequent

«Es ist kein Zweifel daran, dass Ihre Stücke das höchste Kompositionsniveau repräsentieren, das heute überhaupt gefunden werden kann - von einer Reinheit, Unbestechlichkeit und Konzessionslosigkeit ..., dass man ihre Stücke allem, was heute zu komponieren sich unterfängt, als ein verpflichtendes Paradigma vorhalten möchte.» Das schrieb Theodor W. Adorno im Jahre 1948 an den damals 35jährigen René Leibowitz über dessen Klavierstücke op. 8. Man ahnt schon, welcher Art die Musik ist, die nach langjähriger instensivster Beschäftigung mit dem Denken und den Werken Arnold Schönbergs und seiner Schule entstand. Leibowitz komponierte in deren Sinne und mit deren Methoden und blieb darin bei seinen zwischen 1933 und 1972 entstandenen über 90 Werken (darunter auch 5 Opern) konsequent - im Gegensatz zu seinen Schülern Pierre Boulez und Hans Werner Henze, die bald ihre eigenen Wege gingen und schliesslich ihren Lehrer isoliert zurückliessen. Die erwähnten Klavierstücke findet man auf der vom Heidelberger ensemble aisthesis unter Leitung von Walter Nussbaum eingespielten CD mit Kammermusikwerken aus der Zeit zwischen 1944 und 1970 nicht - wohl aber die Serenade op. 38 für Bariton, Flöte, Oboe, Klarinette (auch Bassklarinette), Horn, Harfe, Violine, Viola und Violoncello. Das fünfteilige Werk, mit zwei Instrumentalsätzen und drei Gesangstücken (Brentano- und Hölderlin-Vertonungen) gefiel dem Widmungsträger Adorno auch sehr gut, besonders hob er hervor, dass «...dabei trotz aller Strenge und Dichte durch eine gewisse Einfachheit und Lockerheit der Struktur der Serenadencharakter höchste einleuchtend gewahrt» sei. Dass Leibowitz kein mechanischer Tonsetzer, sondern ein für expressive Valeurs und Klangcharaktere hochsensibler Musikschöpfer war, spürt man auch bei den anderen, von allen Beteiligten mit animiertem Engagement realisierten Kompositionen der CD: eloquente Gesitk, Zartes, Ungebärdiges, Spukhaftes, Skurrilitäten und Animositäten tummeln sich in farbintensiven Klanglichkeiten zwischen den Reihen. Besonders reizvoll sind die mit differenzierter Einfühlsamkeit inhaltlich-atmosphärisch entwickelten Stimm-Stücke, die mit mancherlei Hintergründigkeiten faszinieren. Man möchte mehr davon hören!