Eine beeindruckende und bereichernde CD ist unter dem Titel Cantio Triplex erschienen. Dreifach ist der «Gesang» dieser Aufnahme: Westeuropäische Musik des 15. Jahrhunderts, Musik des frühen Mittelalters aus dem östlichen Mittelmeerraum und russisch-orthodoxe Musik des slawischen Mittelalters fügen sich zur Cantio Triplex. Diese zunächst fremd oder zufällig anmutende Dreiheit basiert auf einem historisch-religiösen Hintergrund. Im Mittelpunkt steht dabei das Jahr 1453, als Konstantinopel - das «zweite Rom» - von den Osmanen eingenommen wurde und aus der Hagia Sophia die Sultan-Achmetçami wurde. Dieses für die westlich-christliche Welt tragische Ereignis inspirierte Dufays Lamentatio sanctae matris ecclesiae Constantinopolitae. Eine solche Klage der ecclesia erklang auch anlässlich des legendären «Fasanenbanketts» 1454 am burgundischen Hof Philipps des Guten. In pompös-fantastischer Manier wurden dort Szenen aufgeführt und lebende Bilder gestellt. Geworben wurde für einen erneuten Kreuzzug, da die christlichen Fürsten die Einnahme Konstantinopels als bittere Schmach empfanden. Trotz unglaublichen Werbeaufwandes fand der Kreuzzug aus Mangel an militärischer Unterstützung nie statt; und schon bald brachen abenteuerlustige Seefahrer zu neuen Welten auf. So war das «zweite Rom» (Byzanz/Konstantinopel) für die Christen verloren, aber schon stand ein Land bereit, die Rolle zu übernehmen. «Rus-Land», bzw. Moskau fühlte sich aus seiner wachsenden Stärke heraus berufen, zum neuen Mittelpunkt der Ostkirche, mithin zum «dritten Rom» zu werden. Die hohe KunstDufays,des Meisters aus dem Norden, der durch seinen Italienaufenthalt geprägt, die Stile des Nordens und des Südens zu einer einmaligen Synthese brachte - Kantabilität und melodischen Affekt mit der hohen Kunst des Kontrapunkts, kanonischen Formen und anderen satztechnischen Raffinessen verbindend, gleichermassen produktiv als Erfinder von Liebesliedern, Messen und Motetten - bedeutet einen Höhepunkt in der abendländischen Musikgeschichte. Sie fasst gleichsam die Errungenschaften einer langen musikhistorischen Entwicklung zusammen und weist in vielen Aspekten voraus in die Zeit, die man gemeinhin mit Renaissance bezeichnet. Das vorliegende Programm illustriert die Vielseitigkeit dieses Meisters des 15. Jahrhunderts:Satztechnische Künste, wie zum Beispiel die kanonische Führung der allmählich auseinanderstrebenden Oberstimmen in «Inclita stella maris»,die Komplexität einer Motette wie «O sancte Sebastiane»oder die Verknüpfung bestehender populärer Melodien zu einem neuen Ganzen in der «Cantio triplex» stehen neben der reichen Melodik von Chansons wie «Bon jour,bon mois» oder «Je me complains piteusement». Die Vertonung von Petrarcas Schlussgedicht des Canzionere «Vergene bella» oder das affektbetonte Rondeau «Hélas madame» weisen eindeutig auf die Zeit der Hochblüte des italienischen Madrigals im 16. Jahrhundert voraus. Der hymnenartige - gleichsam aus einem Mund den das «Sanctus» und teilweise auch das «Ave maris stella» in ihrem Fauxbourdon-Stil, dem homophonen Terz/Sext-Satz,hinterlassen, rundet schliesslich das Bild vom Schaffen des «Maistre Guillaume du Fay» ab, das Bild eines höchst subtil ausbalancierten Verhältnisses zwischen harmonischen und melodischen, rhythmischen und kontrapunktischen Erfindungen.