In Anbetracht der Vielfalt an musikalischen Stilen und ästhetischen Merkmalen, wie sie zu jedem beliebigen Zeitpunkt der Musikgeschichte erkennbar ist, kann man die Musik einer bestimmten Epoche durchaus jeweils einem von drei grundlegenden Archetypen zuordnen. Der erste Typus ist auf älteren Erscheinungsformen musikalischer Sprache aufgebaut, ohne besonderen Nachdruck auf die Weiterentwicklung der übernommenen Formensprache zu legen. Zu dieser Kategorie gehörende Komponisten sind die Erben und Bewahrer überlieferter Traditionen. Der zweite Archetypus, obwohl er sich ebenfalls auf das Erbe der Vergangenheit beruft, versucht es zu veredeln oder zu verwandeln, fast immer in einer sehr persönlichen, leicht zu erkennenden Weise, und erstrebt womöglich sogar den vollkommenen Bruch mit der Musiktradtion. In diesem Fall dient die Überlieferung als Ausgangspunkt, nicht zur Bewahrung von Tradition. Der dritte Typus steht irgendwo zwischen den beiden ersten; hier können die wichtigsten Element entweder zur einen oder zur anderen Kategorie gehören, jedoch mit einem besonderen Unterschied: Komponisten dieser Gruppe stehen unter starkem Einfluss eines einzelnen Komponisten; sie versuchen dessen Einfluss zu vergrössern, vermeiden aber dabei eine Abwanderung oder Bearbeitung der musikalischen Sprache ihrer Inspirationsquelle. ...
Obwohl Brahms im allgemeinen nicht als Erneuerer betrachtet wird, gehört er doch ganz klar zur zweiten Gruppe der Archetypen, da er eine eigene deutlich erkennbare musikalische Sprache entwickelte, die zwar auf dem Erbe der Vergangenheit aufbaut, aber nicht davon eingeengt wird. ...
Gustav Uwe Jenner war, soviel bekannt, Brahms' einziger Kompositionsschüler; sein wichtigster Beitrag zur Musikgeschichte ist dennoch vielleicht seine zweibändige Ausgabe von Erinnerungen an seinen Meister «Brahms als Mensch, Lehrer und Künstler (Marburg, 1905). Abgesehen davon hat Jenner eine Reihe hervorragend gearbeiteter Werke komponiert, die stilistisch und inhaltlich sehr oft an Brahms erinnern. Jenner repräsentiert also den dritten Typus, jenen Komponisten, der sein Werk grösstenteils einem besonderen, von ihm im wesentlichen unveränderten Einfluss verdankt. ...
Die Fülle des schöpferischen Werkes von Carl Reinecke erinnert unmittelbar an seinen Zeitgenossen Joachim Raff. Reinecke unterrichtete - anders als Brahms - sehr viele Schüler, von denen jeder eine bemerkenswerte und äusserst unterschiedliche Karriere machte: Edvard Gried, Leos Janacek, Isaac Albeniz und Max Bruch, um nur die bekanntesten zu nennen. Bis ins hohe Alter im Anfang des 20. Jahrhunderts schuf Reinecke ein umfangreiches und vielgestaltiges Werk, dem fortschrittliche Elemente weitgehend fehlen, was auch für einen grossen Teil der Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts charakteristisch ist. Er gehört also ganz klar zum ersten Archetypus.»
Dr. Avrohom Leichtling (übersetzt von Ingeborg Neumann)