15/2000

Rohrblatt

... Warum Omar Zoboli bei diesen Werken nicht Barock-oboe spielt? Die weiteren von Bach komponierten Werke dieser Aufnahme, die Pastorale F-Dur BWV 590 und die 3 «Leipziger» Choräle BWV 662, 663 und 664 runden den Eindruck ab, dass sich hier zwei Musiker, die sich gut verstehen und schon länger zusammenarbeiten. Die Praxis, den Cantus Firmus von einem Melodieinstrument spielen zu lassen, ist bestimmt so alt wie Bach selbst, und also durchaus legitim und bereichernd für die Interpretation der meisterhaft gesetzten Musik Johann Sebastian Bachs. Die kleine Orgel von Carasso im Tessin verfügt über abwechslungsreiche Register, die das Spiel farbig und transparent werden lassen. Georg Friedrich Händels c-Moll Sonate - ebenfalls traditionell berühmt in Oboistenkreisen - kommt ganz reich und südländisch verziert daher: Wie ein lyrischer italienischer Sänger gestaltet Omar Zoboli die langsamen Sätze, ausdrucksvoll und einfallsreich. Er spielt dabei auf der «modernen» Oboe in ähnlicher Manier wie er es bestimmt auch auf der Barockoboe machen würde - leicht, sparsam mit Vibrato, kräftig angespielte Töne, die verklingen, abgezogene Bindungen und: nie langweilig und aufgesetzt! Ein besonders anspruchsvolles Werk ist die Vivaldi-Sonate in c-Moll für Oboe und Basso continuo. Auch hier wird wieder mit südländischem Temperament musiziert - wobei hier am ehesten ein Cembalo, ein Hammerklavier, oder wenigstens eine etwas rhythmisch markantere Basslinie anstelle der Orgel vermisst wird. Die Tempi sind wieder recht rasch gewählt, was natürlich nur auf einer aufnahmetechnisch so perfekten Aufnahme wirkungsvoll ist, in einer grösseren Kirche mit entsprechender Überakustik ginge da schon einiges verloren. Schliesslich seien noch die Ersteinspielungen der beiden Werke von Johann Ludwig Krebs und Johann Wilhelm Hertel erwähnt: Johann Ludwig Krebs, ein Privatschüler von Johann Sebastian Bach, der ihm übrigens hervorragende Zeugnisse ausstellte, hat bestimmt in seiner Zeit als Thomasschüler die Werke seines Lehrers studiert, und stellt mit seinem Adagio für Oboe und Orgel ein weiteres reizvolles Werk für diese Besetzung vor. Auch die 3. partita von Johann W. Hertel ist mit Omar Zoboli und Diego Fasolis gelungen eingespielt: Oboe und Orgel in barockem Zweigespräch. Der helle Oboenklang kontrastiert mit den weichen und dezenten Orgelregistern. Auf dieser CD sind Originalwerke und Transkriptionen ganz stilgerecht nebeneinandergestellt und dokumentieren auf schöne Weise die freundschaftliche Zusammenarbeit der hervorragenden Solisten.