Mit Antonio Vivaldi haben Marcel Ege, Martin Pirktl, David Sautter und Michael Winkler auf ihrer neuen CD nichts am Hut. Gemeint sind auf «4 seasons» vielmehr die «Estaciones Porteñas», Astor Piazzollas Zyklus über die vier Jahreszeiten in Buenos Aires. Und der hat wiederum mit ländlicher Idylle nicht viel zu tun. «Piazzollas Musik ist die der Fehler und Verwirrungen der Menschen, ... eine Musik, die durch die Arbeit der Hände freigelegt wird, schweiss- und rauchgetränkt...» schrieb der berühmte Dichter Pablo Neruda zu diesem Thema. Es spricht sehr für das Eos Guitar Quartett, dass sie diese Sätze nicht nur zitieren, als Lippenbekenntnis, sondern vielmehr als musikalische Wahrheit ausleben. Die vier Gitarristen haben nicht nur den Notentext studiert (uns selbst bearbeitet!), sondern sich auch tief reingegeben in die Aufnahmen der Ensembles, mit denen Piazzolla selbst spielte. Das Ergebnis: endlich mal wieder ein Piazzolla, der trotz «klassischer» Instrumente nicht nur edel und kultiviert, sondern ungemein vielgestaltig und abgrundtief daherkommt - siehe oben! Die Eos-Gitarristen können alles wunderschön spielen, singend, - sie können jedoch auch höllisch rhythmisch zu Werke gehen, an den Saiten schaben, scheppern, krachen, seufzen, stöhnen. Mit ähnlicher Verve, Leidenschaft und zuweilen auch Witz wie Frühling / Sommer / Herbst und Winter des Hafenviertels von Buenos Aires behandeln sie auch die anderen hier versammelten gitarristischen Kostbarkeiten aktueller lateinamerikanischer Musik: Sergio Assads «uarekena», Paulo Bellinatis «a furiosa» und «baião de gude», Leo Brouwers «acerca del cielo, el aire y la sonrisa» und Jacques Demierres «retrato de a.p.». Bei glasklarem Klangbild überschreiten die vier Musiker mit allen erdenklichen Spieltechniken (Bottleneck, präparierte Gitarren...) und enormer Virtuosität den Horizont dessen, was noch vor ein paar Jahren als Grenze des Möglichen für vier Konzertgitarren angesehen wurde. Bei aller Abgedrehtheit mancher Abschnitte bleibt das Ganze zudem immer hörbar, ein Genuss nicht nur für Spezialisten, sondern für alle ... eine gewisse Leidenschaftlichkeit vorausgesetzt.