Die vier CDs, die Andrea Marcon an historischen Orgeln in Treviso und in Polcenigo aufgenommen hat, machen nicht nur mit einer aufregenden Orgellandschaft bekannt; sie geben gleichzeitig einen Querschnitt durch die italienische Orgelkunst des 17. und 18. Jahrhunderts, von den Frescobaldi-Nachfolgern bis zu den Vertretern des galanten Stils. Je eine CD ist Alessandro (CDX-79403) und Domenico Scarlatti (CDX-79607) gewidmet; die beiden anderen fassen unter den Überschriften «The Heritage of Frescobaldi» und «L'arte organistica veneta dell' 1700» jeweils Werke mehrerer Komponisten zusammen. Die Zusammenstellung von Orgelmusik der Frescobaldi-Nachfolge, an einem von Pietro Nacchini 1750 erbauten Instrument in der Kirche Santa Maria dei Battuti eingespielt, bietet eine reiche Vielfalt verschiedener Satztypen, von kontrapunktischen Kyrie-Bearbeitungen und imitierenden Formen (Canzon, Ricercar) über virtuose Toccaten bis zu Arien- und Ostinato-Variationen. Sie beginnt mit einer Toccata des Frescobaldi-Schülers Michelangelo Rossi (1602-1656), die auf eine freie Eröffnung imitierende und modulierende Teile folgen lässt, darunter einen Abschnitt von atemberaubender Chromatik. Aus einer 1641 erschienenen Sammlung Ricercari a quattro voci, Canzoni Francesi, Toccate et Versi per rispondere nelle Messe con l'organo al Choro des neapolitanischen Organisten Giovanni Salvatore (1688) sind drei Beispiele verschiedener Gattungen augewählt. Bernardo Storace (1637-1707) ist mit einem Ricercar, zwei Variationswerken und einer robusten Battaglia vertreten. Das Ricercarthema erinnert an ein Thema, das Frescobaldi in den Fiori Musicali verarbeitet hat (con obligo di cantar la quinta parte). Die Passacaglia sopra la mi re mit ihrer ausdrucksvollen, oft querständigen Harmonik hinterlassen einen der stärksten Eindrücke dieser Einspielung. Die 1687 gedruckten Tastenkompositionen (Capricci da sonare Cembali et Organi) des Neapolitaners Gregorio Strozzi (um 1615 bis nach 1687) wirken für ihr spätes Erscheinungsdatum eigentümlich archaisch. Bernardo Pasquini (1637-1710) schliesslich beherrschte gleichermassen den strengen Kontrapunkt, wie die virtuose Variation. All dies wird auf eine Weise dargeboten, die die Aufmerksamkeit des Hörers nie erlahmen lässt: technisch brillant, mit temperamentvoller Musikalität, lebendig artikuliert und farbig registriert. Auch für die Einspielung von Musik venezianischer Meister des 18. Jahrhunderts wurde eine hervorragend restaurierte historische Orgel in einer Kirche Trevisos (San Leonardo, von Nacchinis Schüler Gaetano Callido 1787 erbaut) gewählt; auch hier lassen Interpretation und Registrierung nichts zu wünschen übrig, und doch vermag die Abfolge der Kompositionen im galanten Stil den Hörer nicht in gleichem Mass in Bann zu schlagen. Giovanni Pescetti (1704-1766) spinnt in seiner Sonate in c-Moll gute Einfälle ein wenig zu breit aus. Elegant und virtuos die Kompositionen des geachteten Meisters Baldassare Galuppi (1706-1785). Die Elevationsmusiken von Giuseppe Paganelli (1710-1783) zeigen, wie sehr sich seit Frescobaldis Zeit der Geschmack gewandelt hat. Von Andrea Lucchesi (1714-1801), der in Bonn lebte und noch den jungen Beethoven kennenlernte, sind zwei schöne Sonaten eingespielt. Auch einige Komponisten, die in Treviso wirkten (Ignazio Spergher, 1734-1808; Niccolo Moretti, 1763-1821), sind vertreten. Insgesamt eine unterhaltsame Einspielung, die das Instrument Callidos sehr ansprechend vorstellt (leider werden uns bei dieser Aufnahme die Registrierungen nicht mitgeteilt). Von den Sonaten Domenico Scarlattis (1685-1757), sind nur drei ausdrücklich für die Orgel bestimmt. Zu einigen anderen sind allerdings in einzelnen Manuskripten Registrierungsangaben erhalten; andere (wie die Fuga in re minore K. 41) bieten sich durch ihre mehr kontrapunktistische Faktur für eine Darstellung auf der Orgel an. Ausgehend von solchen Beobachtungen hat Andrea Marcon eine Reihe von zwanzig Sonaten meist aus der frühen Schaffenszeit des Komponisten zusammengestellt und an einer weiteren Callido-Orgel in Treviso ( Tempio monumentale die San Niccolo, 1778-1779) eingespielt. Das zweimanualige Instrument bietet eine Fülle von klanglichen Möglichkeiten, die die Musik Scarlattis in neuem Licht erscheinen lassen. Besonders apart wirken die Mischungen von Labial- und Zungenregistern (tromboncini) oder der sägende Ton der «Violetta Bassi», eines 4'-Registers für den Bereich der linken Hand. Das Booklet dieser CD mit Abbildungen der Malereien der Seitenflügel und ausführlichen Informationen zum Instrument un seinem Erbauer sowie allen Registrierungen gehört zu den schönsten und informativsten der Reihe. Auch Domenicos Vater Alessandro Scarlatti (1660-1725) ist eine CD gewidmet: Werke für Orgel und Cembalo, gespielt an der Orgel von San Giacomo in Polcenigo, die Giacinto Pescetti (dessen Sohn Giovanni auf einer anderen CD der Reihe als Komponist vorgestellt wird) 1732-33 ursprünglich für eine Kirche in Venedig erbaute, und an der Kopie eines italienischen Cembalos von 1697. Die Einspielung enthält mehrere virtuose Toccaten, darunter eine sehr ausgedehnte für Cembalo mit manchen harmonischen Kühnheiten, zwei Fugen und ein Variationswerk. Der grosse Orgelkomponist Scarlatti äusserte selbst in einem Brief von 1706, dass es bei seiner Musik sehr auf den Ausführenden ankäme. Andrea Marcon gelingt es, auch diese oft unterschätzten Tastenkompositionen lebendig zu machen.