5/1999

Concerto

Mit dieser CD stellt der Organist Andrea Marcon bereits die dritte historische Orgel aus seiner Heimatstadt Treviso vor. Nach der Orgel des Meisters Pietro Nacchini (1694-1769) in Santa Maria dei Battuti (1750) nunmehr die zweite seines wohl wichtigsten Schülers Gaetano Callido (1712-1813). Dieser schuf in einem wahren Schaffensrausch 430 Orgeln, von deren Entstehung er eine genaue, chronologische Auflistung überlieferte. Er übernahm dabei vollständig die Neuerungen seines Lehrers, der duch eine strenge Auslese der klanglichen und technischen Möglichkeiten der klassischen Traditionen einen Orgeltyp entwickelt hatte, der den ästhetischen Errungenschaften der vorklassischen und klassischen Musik gewachsen war. Dementsprechend ist die hier vorgestellte Musik auch diesem neuen Kunstkreis entnommen: Werke, die in ihrer Leichtigkeit und Heiterkeit wohl typisch zu nennen und auch typische Formen, z.B. das minuetto, in die Orgelmusik übertragen. Marcon unterstützt diese charakteristischen Eigenschaften durch eine äusserst phantasievolle Registerwahl, zurückhaltend in den eher konservativen Werken und schon fast zirzensisch in den Kompositionen, die offensichtlich auch auf Elemente der Volksmusik zurückgreifen, wie etwa die Sonaten Niccolo Morettis. Es ist eine Welt voller Licht, Duft und Lebensfreude, die dem Hörer entgegentritt, ein unendliches Farbenspiel, gänzlich konträr zu dem, was gemeinhin mit Werken für die Orgel verbunden wird. Der bekannteste hier vertretene Komponist ist Baldassare Galuppi, dessen Sonata per flauto Marcon nur mit dem Flauto in III registriert, was der Musik einen leichten, schwebenden Charakter gibt. Erwähnt sei noch der Bonner Hofkapellmeister Andrea Lucchesi, der mit zwei Sonaten vertreten ist. Gebürtig aus Motta di Livenza (heute eher durch seinen guten Wein bekannt), wurde er in Venedig ausgebildet und verbrachte 27 Jahre am Rhein. Seine Werke sind ebenfalls deutlich dem vorklassischen Stil verpflichtet und übertragen den typisch lichtvollen Orchestersatz wirkungsvoll auf die Orgel. Der weithin unbekannte Komponist Ignaz Spergher aus Treviso ist mit einem Werk vertreten, das deutlich auf die italienische Oper der Zeit hinweist. So erscheint die dreisätzige 5. Sonate aus seinem Opus 1 von 1786 der Opernouvertüre verpflichtet; einem Allegro con brio, das gut gearbeitet auch einer zeitgenössischen Oper vorstehen könnte, folgt ein liedhaftes Andante, eigentlich eine Aria, nach der ein weiteres Allegro con brio einen heiteren Kehraus ( in der Kirche!) bereitet. Solche Musik steht dem sehr klangschönen, wunderbaren Instrument Callidos natürlich sehr gut zu Gesicht und führt perfekt ein in diese fast vergessene Welt der venezianischen Orgelkunst aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Eine sehr wichtige und interpretatorisch hervorragende Aufnahme, die den musikalischen Horizont erweitert und jedem Liebhaber der Orgel (selbst bei der geringen Gefahr anfänglicher Irritation) zu empfehlen ist, aber auch jedem Liebhaber der vorklassischen Musik allgemein. Eine CD, die anzuhören wirklich Spass macht.